Kritik: OPEN RANGE – WEITES LAND [2003]

Die letzte Sichtung von „Der mit dem Wolf tanzt“ ist so lange her, dass ich mir da jetzt gar kein Urteil erlauben kann, wie ich den finde. Von daher fällt ein Vergleich mit Kevin Costners „Open Range“ ziemlich schwer und kann in diesem Fall nur wegfallen – was jedoch gar nicht schlimm ist, kann man zu „Open Range“ auch so eine klare Meinung haben, wenn nicht sogar eine noch klarere, weil eventuelle Vorschusslorbeeren nicht berücksichtigt werden können. Und die gibt es mit diversen positiven Kritiken im Netz sowieso schon zu Hauf, gut, dass ich mir diese erst im Nachhinein durchgelesen hab.


Charley Waite und Boss Spearman sind die letzten ihrer Art: Heimatlose Cowboys, die ihre Herde über die Prärie treiben. Als sie in dem Städtchen Harmonville Halt machen, gefällt dies dem Farmer Baxter gar nicht: Er überfällt das Lager der beiden, wobei ihr Arbeiter Mose (und der Hund) getötet und der Junge Button schwer verletzt wird. Charley und Boss schwören Rache, denn auch wenn der Kampf gegen Baxter aussichtslos erscheint: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Und dazu gehört nicht weglaufen…

Es ist schon alles sehr merkwürdig, was Costner uns hier präsentiert. Im grünen Auenland reiten zwei alte Männer durch die Prärie, deren Männerfreundschaft an ein altes Ehepaar erinnert. Obwohl sie sich nichts zu sagen haben, wird viel geredet und ausdiskutiert, und um der Demenz vorzubeugen wird in gefühlt jedem Satz der Name des anderen genannt. Auf diese Weise wird dem Zuschauer natürlich auch ein stückweit das Denken abgenommen – was andere aussprechen, muss man sich nicht zusammenreimen. Und hier wird alles ausgesprochen – subtil geht anders.

Desweiteren hat der Film ein Problem mit der Handlung, die im Grunde knapp zusammen gefasst werden kann (s.o.), sich aber über zwei Stunden erstreckt. Natürlich, irgendwie geht es auch um die letzten Cowboys der Prärie, die sich gegen Veränderungen wehren, aber das hat man mit Sicherheit schon irgendwo besser gesehen. Und so hat der Til Schweiger Hollywoods so seine Probleme, den Mittelteil des Films zu überbrücken, bis es dann zum groß angekündigten Showdown kommt. Da wird erst Kaffee getrunken, dann bei der Schwester vom Arzt Tee getrunken (und nach Button gesehen), dann wird im Saloon Whiskey getrunken, dann wird gefrühstückt – und nach Button gesehen. Das mag ja – in der Theorie – ganz furchtbar wichtig sein, von wegen Charakterentwicklung und so – ist aber gefühlt stellenweise langatmig und uninteressant, besonders weil sich Costners Figur Charley benimmt wie Forrest Gump im wilden Westen. Wo nicht viel ist, kann sich nicht viel entwickeln. Oder: Wo nicht viel ist, sollte sich zwar viel entwickeln, tut es aber nicht. Charley sagt zwar, wie schwer er es hatte und das er die Zeit hinter sich lassen will, aber so richtig abnehmen tut man ihm das nicht. Erst wenn er zur Waffe greift sieht man, dass er das wohl schon mal öfter getan hat.

Denn zur Waffe wird hier dann und wann schon mal gegriffen, und dann zeigt der Film, dass er doch was kann, denn die Auseinandersetzungen sind realistisch, brutal und dreckig. Der Plan war wohl, dass der Zuschauer durch die Gewalt aus dem ansonsten ruhigen Film herausgerissen wird und diese somit noch mehr Wirkung entfaltet (wie bei „Drive“ zuletzt), was aber (anders als bei „Drive“ zuletzt) nicht funktioniert. In der einen Szene zanken sich Waldorf und Statler durch die Kulissen, in der anderen schießen sie kaltblütig böse Jungs durch Häuserwände. „Brokeback Mountain“ trifft „Django“: Ne, für mich nicht, danke. Aber da kommt ja noch was, genau, der große Showdown, über den seit eineinhalb Stunden geredet wird in dem Film, und dann geht’s los. Nachdem jedes Westernklischee abgehakt wurde, geht es am Ende um das ultimative Westernklischee, die große Gegenüberstellung Gut gegen Böse. Und die ist zwar insofern gut, dass sie mit ungefähr 20 Minuten nicht sofort vorbei ist, aber anderseits ist es nur eine unübersichtlich Schießerei, bei der man nicht so genau weiß, wer jetzt wo auf wen schießt, und treffen ist eh Glückssache. Göttlich die Szene, in der ca. 15 Dorfbewohner hinter einem Bösewicht her rennen und aus allen Rohren feuern, bis dann mal einer trifft: Fackeln und Mistgabeln hätten den gleichen Effekt gehabt. Und an Costners stoischem Gesichtsausdruck sehen wir: Das war ernst gemeint.

Wenn die letzte Szene eines Westerns aus einem Teeservice besteht, dann läuft irgendwas falsch. „Open Range“ ist ein ruhiger Abgesang auf den wilden Westen, in dem sich alte Männer gegen Veränderungen sträuben und am Ende erkennen, dass Veränderungen nicht immer das Schlechteste sind. Ein Film, in dem die meiste Zeit nichts passiert, in dem zwei einsame Cowboys um ihre Ehre kämpfen. Doch wirkt all das wie bloße Behauptung in einem spannungsbefreiten Film voller Gegensätze.
kritik5_xb

2 Kommentare

  1. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Januar 11, 2013

    Sind wir grad auf dem Western-Trip?

    Hab den hier nur ein Mal und das kurz nach DVD-Start damals gesehen, hätte ich jetzt aus der Hüfte aber mit 2-3 Punkten mehr versehen.

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    • Xander · Januar 11, 2013

      Westerntrip? Vielleicht. Heute lag plötzlich „Deadwood“ beim Einkaufen im Wagen, keine Ahnung wie das da reinkam…

      Aber immer wieder schön, wie unterschiedlich wir Filme sehen. Wobei „Open Range“ allgemein besser bewertet wird als von mir. Komischerweise.

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