Kritik: THE TRACEY FRAGMENTS [2007]


Tracey Berkowitz, 15 Jahre, hat ein echt beschissenes Leben. Ihr Vater bezeichnet sie und ihren Bruder als Unfälle, ihre kettenrauchende Mutter hängt nur vor dem Fernseher, in der Schule wird das „Etwas ohne Titten“ nur fertig gemacht. Als dann eines Tages ihr scheinbar zurückgebliebener Bruder (?) spurlos verschwindet und ihr die Schuld daran gegeben wird, reißt sie von zu Hause aus und begibt sich alleine auf die Suche.

Ist das alles wirklich so? Was davon ist wirklich passiert, was wird dramatisiert, wer ist Tracey wirklich? Eine verstörte Jugendliche mit reichlich Selbsthass, ein kaputtes Elternhaus, ein verschwundener Bruder – so viel scheint sicher zu sein. Der Rest ist Interpretationssache, denn wir befinden uns während des gesamten Films in Traceys Kopf. Wir sehen, was sie denkt, sie erzählt, was ihr grade in den Kopf kommt. Zusammenhangslos, in loser Reihenfolge, unvollständig, nicht immer logisch. Nur in einen Duschvorhang gewickelt sitzt Tracey im Bus. WIr erfahren, dass sie sich die Buslinie je nach Stimmungslage aussucht, fröhliche Menschen deprimieren sie, und depressiv ist sie sowieso schon. Das „Etwas ohne Titten“, in der Schule gemobbt, träumt von Billy Zero, der Neue in der Schule, der sie wie ein Held auf seinem Motorad durch den Schulkorridor in die Freiheit fährt. Sie gründen eine Band, sie wird berühmt, wird geliebt, man schenkt ihr Aufmerksamtkeit – sie ist Tracey Zerowitz. Doch da ist kein Billy Zero, und wenn doch, dann lief das anders ab. Und jetzt sitzt sie in einen Duschvorhang gewickelt in einem Bus. Warum? Dazu kommt Tracey noch. Das ist nichts, woran man gerne denkt, was man als erstes erzählt.

The Tracey Fragments ist genau das, was der Titel verspricht: Es geht um Tracey Berkowitz, 15 Jahre und Fragmente aus ihren Gedanken, ihrem Leben. Sie ist verwirrt, und der Zuschauer ist es auch. So wie Tracey die Gedanken durch den Kopf schwirren, so wird das Bild auf der Leinwand in dutzende Fragmente aufgeteilt, dynamisch, ohne Begrenzung. Die selbe Szene, fünf Mal nebeneinander, leicht zeitversetzt, nicht immer dramaturgisch notwendig, aber das ist egal. Wir sehen, was Tracey denkt, und das ist nicht immer wichtig, zumindest nicht für uns – ihre Wahrnehmung ist manchmal eine andere. Das ist nicht immer leicht, zumindest nicht für den Zuschauer. Gute 80 min lang prasseln Bilder auf ein ihn ein, der Splitscreen bei 24 ist nichts dagegen. Und besonders in der ersten halben Stunde funktioniert dies besonders gut. Vielleicht liegt es daran, das man sich nach der Eingewöhnung darauf eingestellt hat und sich noch nicht an dieser kunstvollen Montagetechnik sattgesehen hat, aber das liegt wohl vor allem daran, dass hier die Cutter noch frische Ideen hatten. Die stärkste Szene des ganzen Films befindet sich dann auch in diesem ersten Teil des Films, wenn Tracey von zu Hause wegläuft. Dieser Moment wird besonders dadurch so intensiv, weil sich der Film hier stellenweise von seinem Konzept verabschiedet und man Tracey in Großaufnahme vom Haus wegrennen sieht, begleitet von einem (wie immer) absolut passenden Soundtrack. Dadurch hat man, wenn auch nur für kurze Zeit, keine Möglichkeit, sich auf andere Frames zu konzentrieren. In diesem Moment denkt Tracey aber auch nicht an so viel, einfach weg, möglichst schnell. Wie Pferde, die aus der Koppel, aus der Gefangenschaft, in die Freiheit rennen. Und deshalb wird eben dieses Bild dann auch als Parallelmontage verwendet.

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Kritik: HARD CANDY [2006]


„Ist das unser Spiel?“
– „Das Spiel ist vorbei. Es wird Zeit, aufzuwachen!“

Ganze fünf Schauspieler nennt der Abspann. Fünf Rollen, von denen drei nicht wirklich erwähnenswerte Nebenrollen sind, denen nur ein bis zwei Szenen gegönnt sind. Die Rollen scheinen klar verteilt in David Slates Kammerspiel Hard Candy, doch dieser Eindruck täuscht ebenso wie der vielleicht zu Beginn des Films vermutete weitere Verlauf der Handlung. Ellen Page und Patrick Wilson verkörpern hier das scheinbar Gute gegen das scheinbar Böse in einem Film über Selbstjustiz mit einem Thema, welches heikler vielleicht gar nicht sein kann: Pädophilie und ihre Bestrafung, das Verhalten eines möglichen Opfers und dessen Folgen. Gelingt es dem Film des Regieneulings Slade, diese Thematik aufzuarbeiten, ohne gängige Klischees zu bedienen oder in pures Schwarz-Weiß Denken zu verwandeln?

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Soundtrack des Lebens (6): Juno


In der Review schon erwähnt, hat mir der Soundtrack von Juno von Anfang an sehr gut gefallen. Die Auswahl der Songs passt unglaublich gut zu diesem Film (der ja auch so unglaublich gut ist) und unterstreicht die Stimmung perfekt. Beispielhaft habe ich einfach mal „Anyone Else“ vom Schluss des Films gewählt, da er nicht nur von den Darstellern selber dargeboten wird, sondern auch zur Aussage des Films perfekt passt. Ein Feel-Good-Soundtrack, der aber leider auf CD nur halb so gut wirkt.


(YouTube)

Alle bisherigen „Soundtracks des Lebens

Kritik: JUNO


„Hast du was geahnt, als sie uns gebeten hat, uns zu setzen?“
– „Ja, aber ich hatte gehofft, sie wär von der Schule geflogen, oder drogenabhängig…“

Juno ist 16, auf der High-School und nach dem ersten Mal direkt schwanger geworden. Der Versuch abzutreiben wird beim Besuch der Abtreibungsklinik gleich verworfen und so beschließt sie, das Kind zu bekommen und sich gleich nette Adoptiveltern zu suchen. Marc und Vanessa scheinen da genau die richtigen zu sein…

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