AMERICAN SNIPER [2015]

americansniper1_01Neulich noch die Tatsache akzeptiert, dass ich ja doch nie ins Kino komme, schon ist es soweit. Wenn auch „American Sniper“ jetzt nicht unbedingt Priorität hatte, muss man in der Gruppe manchmal Kompromisse eingehen – und so wurde für den ersten Kinobesuch seit dem dritten „Hobbit„-Teil ein Kompromiss gefunden, der die Meinungen spaltet wie kaum ein anderer Film in der letzten Zeit. Gleichzeit mein erster Film von Clint Eastwood als Regisseur. Eine richtige Erwartungshaltung hatte ich ehrlich gesagt nicht: Seit „Duell – Enemy the Gates“ finde ich die Sniper-Thematik schon interessant, dem im Vorfeld oft bemängelten Patriotismus sah ich jedoch skeptisch gegenüber.

Auf die Frage, warum er bei den Seals ist und in den Krieg ziehen will antwortet Chris Kyle ziemlich zu Anfang des Films, dass Amerika das beste Land der Welt ist und er es verteidigen will. Das hätte er nicht sagen sollen. Denn das erinnerte mich direkt an die Eröffnungsszene von „The Newsroom„, wo genau dies eindrucksvoll in Frage gestellt wird (siehe Video), und leider wurde auch direkt deutlich, in welche Richtung der Film gehen wird.

Ich finde es schwierig, über den Film zu schreiben. Ist es ein Kriegs- oder Antikriegsfilm? Vernachlässigt er die andere Seite oder fokussiert er sich ganz bewusst nur auf die eine? Ist es eine Aussage des Films, wenn Kyle die Iraker nur als „Wilde“ bezeichnet oder gibt er in diesen Szenen nur die belegten Aussagen des echten Chris Kyle wieder? Ich kannte den echten Chris Kyle nicht. Aber wenn man auch nur kurz recherchiert scheint es wohl so gewesen zu sein, dass er die Iraker tatsächlich als Wilde angesehen hat, den Irak als „Indianerland“ bezeichnete und richtig scharf aufs Töten war, sich sogar an seinen im sterben liegenden Opfern ergötzt hat. Wie geht man nun damit um, wenn man über diese Person einen Film drehen will? Basierend auf einer Biografie, in welcher er scheinbar sogar nachweislich an einigen Stellen lügt? Wie subektiv geprägt bzw. wie glaubhaft ist dann erst der Rest?

Clint Eastwood hat versucht, einen Mittelweg zu gehen. Auf der einen Seite der amerikanische Held, 160 bestätigte Abschüsse, von den Landsleuten verehrt. Auf der anderen Seite versucht Eastwood zu zeigen, dass Krieg ja eigentlich doch gar nich so toll ist und einen Menschen verändert. Interessanterweise erweckt der Film aber den Eindruckt dass Kyle nur insofern verändert wird, dass er den Krieg vermisst. Wenn er schweigsam zu Hause sitzt und seine Frau zum gefühlt hundertelfzigsten Male Phrasen von sich gibt wie „Du bist hier, aber eigentlich ganz woanders“, dann ist das, weil Kyle den Krieg vermisst. Er will weiterhin seinem Land dienen, anstatt tatenlos rumzusitzen. Aber: Kein Wort des Bedauerns, keine Gewissensbisse. Ja Herr Eastwood, Krieg scheint Menschen zu verändern: Sie wollen noch mehr Krieg.

Aber auch abgesehen davon, selbst als fiktionaler Spielfilm kann „American Sniper“ nicht überzeugen. Die Charakterentwicklung von Chris Kyle ist nach seinem ersten Irak-Einsatz abgeschlossen, blöd nur: Da kommen dann noch drei Einsätze. Er zieht in den Krieg, kommt nach Hause, bläst Trübsal. Vier Mal. Bis am Ende dann alles gut wird, soll heißen: Er sich psychisch davon erholt. Der Rest ist zudem vom Reißbrett: Sein irakischer Gegenspieler Mustafa, welcher nach und nach zum Endboss aufgebaut wird (unter Unterhaltungsgesichtspunkten besser dargestellt in „Duell“), sein Kamerad wird natürlich gerade dann angeschossen (und erliegt seinen Verletzungen) nachdem er von seinen Hochzeitsplänen erzählt hat: Das soll wohl irgendwie Emotionen wecken. Tut es aber nicht.

„American Sniper“ ist zwar ein handwerklich sehr gut gemachter Film, der aber moralische Fragen aufwirft von denen man nicht weiß, ob diese gewünscht waren. Die „Anti“-Anteile dieses Kriegsfilms wirken nur als Alibifunktion, im Grunde findet der Film zum einen seinen Helden, zum anderen sein Herkunftsland schon ziemlich gut, was ihm den leichten Anstrich eines Propagandafilms gibt. Aber noch einmal: Ich kannte Chris Kyle nicht, ich war nicht dabei. Insofern kann ich den Wahrheitsgehalt des Films schlecht mitbewerten.
kritik55_xb

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10 Kommentare

  1. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · März 8, 2015

    Gleichzeit mein erster Film von Clint Eastwood als Regisseur.

    Das ist 1. unglücklich für dich und 2. überraschend für mich. Der Mann hat ja durchaus ein Portfolio inzwischen. Solltest mal ERBARMUNGSLOS gucken.

    Den hier will ich gar nicht sehen. Bin sowieso anti-amerikanisch eingestellt, da „reg isch misch nur uff“ 🙂

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    • Florian Lieb (@Flo_Lieb) · März 8, 2015

      Also unglücklich in dem Sinne, da er durchaus ein kompetenter Mann hinter der Kamera ist und der Film hier ihm vermutlich (allenfalls technisch vielleicht) gerecht wird. Damit keine Missverständnisse entstehen (wofür sich das Internet ja bestens eignet).

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    • Xander · März 8, 2015

      Gut, dass du das sagst, da war ja was:
      https://xander81.wordpress.com/2013/01/13/kritik-erbarmungslos-1992/

      Und wenn du eh etwas anti-amerikanisch eingestellt bist – dann ist dieser Film erst recht nichts für dich. Hatte gestern ebenfalls noch „Team America“ gesehen, der dürfte dir vermutlich (rein thematisch) besser gefallen? Den Humor muss man natürlich mögen.

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    • Florian Lieb (@Flo_Lieb) · März 8, 2015

      TEAM America ist großes Kino 🙂

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  3. donpozuelo · März 9, 2015

    Furchtbarer Film, wenn ich ehrlich sein soll. Und gerade dieser Versuch, den Mittelweg zu gehen, finde ich besonders kritisch… irgendwie ist es doch mehr ein Western geworden, in dem die weißen Helden die farbigen „Wilden“ erschießen – ob nun rot oder wie auch immer.

    Erschreckend fand ich dann nur, dass Kyle ja tatsächlich so drauf war. Du musst dir echt mal Interviews mit ihm anschauen, das glaubt man gar nicht, was der Typ da von sich gibt. Das im Hinterkopf und man könnte sich dazu hinreißen lassen und sagen, dass Eastwood Kyle äußerst glaubwürdig dargestellt hat…

    Bleibt dann allerdings die Frage, wer solchen Deppen noch so eine große Leinwand bieten muss…

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    • Xander · März 9, 2015

      Wenn der wirklich so drauf war wie du sagst, hätte es wirklich keinen Film darüber gebraucht. Vor allen Dingen keine Oscar-Nominierung als bester Film.

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    • donpozuelo · März 10, 2015

      Problem ist ja nur, dass das ja genau das ist, was die meisten Amerikaner gerne hören wollen. Ich fand’s ja allein schon unheimlich, wenn man im Abspann die realen Bilder von Kyles Trauerzug sieht… sowas für einen Typen, der nicht einmal Präsident oder erster auf dem Mond oder sonst was war… gruselig…

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    • Xander · März 10, 2015

      Ja, das dachte ich mir auch. Aber gut, sowas kennen wir hier ja Gott sei Dank nicht.

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  4. Pingback: KINGSMAN – THE SECRET SERVICE [2015] |

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