EXTREM LAUT & UNGLAUBLICH NAH [2011]

CONT_Artwork.inddMit Sicherheit kann noch jeder sagen, was er am 11. September 2001 gemacht hat. Ich war in Oldenburg zu einer Fortbildung, und da man in jungen Jahren bei so einer Veranstaltung alles macht, außer Nachrichten verfolgen, bekamen wir davon erst mal nicht mit. Abends waren wir im Kino und haben uns „Final Fantasy: Die Mächte in dir“ angesehen und im Kino gab es bereits die Sonderausgabe einer Zeitung. Doch dabei ist ein Kino der denkbar schlechteste Ort für sowas, hielten wir das ganze doch für Werbung für einen noch kommenden Film – mit abstrusen Inhalt, denn wer denkt sich sowas schon aus? Erfahren haben wir davon, man glaubt es kaum, erst am nächsten Tag während der Schulung von einem fassungslosen Lehrer, der uns erst mal zum Kiosk geschickt hat, Zeitungen kaufen.


Der 11-jährige scheinbar aspergische Oscar jedoch hat das ganze sehr viel schlimmer in Erinnerung, lebt er doch mitten in New York und starb sein Vater doch während der Anschläge im World Trade Center. Ein Jahr später findet er einen Umschlag im Schrank seines Vaters, und in ihm ein Schlüssel. Da auf dem Umschlag „Black“ steht, geht er davon aus, dass jemand namens Black das passende Schloss zu diesem Schlüssel besitzt und macht sich auf, jeden New Yorker dieses Namens aufzusuchen, hält er das ganze doch für ein geplantes Abenteuer seines Vaters.

„Extrem laut & unglaublich nah“ ist einer dieser Filme, die man, wie ich finde, ganz schwer beurteilen kann. Wenn ein amerikanischer Film dieses Trauma des „schlimmsten Tages“ aufarbeiten will oder zumindest behandelt, dann darf man sich ja eigentlich nicht beschweren, wenn es extrem gefühlslastig wird. Man muss es nicht gut finden – aber man kann es erwarten. Und in diese Richtung schlägt auch dieser Film: Mehr Emotionen kann man in so einem Drama schon fast nicht unterbringen. Ein (ich sag das jetzt mal bewusst plakativ) behindertes Kind, dessen Vater, seine engste Bezugsperson, bei diesem Terroranschlag ums Leben kommt. Ein Junge, der stellvertretend für eine ganze Nation die volle Packung Leid ins Drehbuch geschrieben bekommt. Das ist manchmal durchaus ergreifend, manche Szenen wirken jedoch extrem kalkuliert. New York – und damit stellvertretend das ganze Land – ist multikulturell, herzensgut (größtenteils), weltoffen. Wenn sich Oscar und seine Mutter in einer großartigen Szene anschreien und sie sagt „Es gibt keinen Sinn in dem, was geschehen ist!“, dann ist auch dem letzten klar: Was kann denn die beste, weltoffenste Nation der Welt dafür, wenn ein paar Freaks mit Flugzeugen in Hochhäuser fliegen? Wie oben schon gesagt: Eine neutrale, politische und geschichtliche Auseinandersetzunge mit 9/11 kann man in so einem Film nicht zwingend erwarten – diese gefühlsduselige einseitige Betrachtung (natürlich, ist ja aus der Sicht des Kindes erzählt) muss man aber nicht vollkommen unterstützen.

Was genau für einen Film ich erwartet habe, weiß ich selber nicht so genau. Zumindest hatte ich darauf gehofft, nicht die volle Packung Kitsch und Emotionen wie in diesem Fall geschehen zu sehen, aber ok. Schauspielerisch gibt es nichts zu bemängeln, eher sogar hervorzuheben: Max von Sydow hat mir als stummer Untermieter gut gefallen und hätte gerne noch eine tragendere Rolle spielen dürfen. Hätte sich die Geschichte auf Oscar und ihn fokussiert, es hätte dem Film glaube ich ganz gut getan.

Die Nachwirkungen von 9/11 bei einem kleinen Jungen mitten in New York: Emotionales Drama, welches unnötig auf die Tränendrüse drückt, ansonsten aber eigentlich gefällt.
kritik65_xb

6 Kommentare

  1. Pingback: Extrem laut & unglaublich nah (2011) | Film-Blogosphäre
  2. bullion · Oktober 24, 2013

    Ja, sehe ich ähnlich. Am meisten hat mich wohl gestört, dass ich trotz der überbordenden Gefühlsmomente emotional nicht sonderlich involviert war.

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    • Xander · Oktober 25, 2013

      Das war teilweise schon der Fall – zumindest bei mir. Aber wenn das den ganzen Film über so ist, dann – ich will nicht sagen man stumpft ab – aber irgendwann ist auch mal gut und nicht jede Szene funktioniert gleich gut.

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  3. donpozuelo · Oktober 25, 2013

    Ich hab den auf der Berlinale gesehen und war auch nicht sonderlich begeistert. Die eigentlich schöne Idee wird irgendwann doch sehr anstrengend.

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    • Xander · Oktober 25, 2013

      Anstrengend ist – vor allem gegen Ende – das richtige Wort.

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  4. Pingback: Oktober 13 | Xanders Blog - Filme.TV.Sowas.

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