VIELLEICHT LIEBER MORGEN [2012]

„There are people who forget what it’s like to be 16 when they turn 17.“

VielleichtLieberMorgen_01„Vielleicht lieber morgen“, „The Perks of beeing a Wallflower“, „Das also ist mein Leben“ – wie man den Film bzw. die Geschichte dahinter auch nennen mag – ist, ich nehme es vorweg, einer DER zu Unrecht untergegangenen Filme des Jahres 2012. Ob das nun, wie von einigen vermutet, einzig am unglücklichen deutschen Titel liegt, sei mal dahingestellt. Aber, um Stephen Chboskys Hauptfigur Charlie in abgewandelter Form zu zitieren: Der Film macht glücklich und traurig zugleich und ich versuche jetzt mal herauszufinden, wie das eigentlich sein kann.


Charlie ist fünfzehn, und kurz vor dem Beginn der Highschool nimmt sich sein Freund Michael das Leben. Charlie weiß nun nicht, mit wem er über all das reden soll, und schreibt Briefe. An wen, weiß man nicht, aber es scheint jemand zu sein, dem er vertraut. Und so erzählt Charlie von seinem Leben: von der Highschool, von Mädchen (insbesondere Sam), von seiner Familie. Und seinen Gefühlen dabei. Und davon, dass er glücklich und traurig zugleich ist.
(Inhalt aus meiner Buchbesprechung)

So nett das Buch auch zu lesen war, der ganz große Wurf war das nicht. Begründet hatte ich das zum einen in der, besonders zu Beginn, all zu einfachen Sprache (die ja aber auch begründet ist) und dem Umstand, dass Charlie gefühlt auf jeder zweiten Seite weint. Auch wenn das Ende (für mich zumindest) unerwartet war und schwer zu verdauen, konnte es die Gesamtwertung nicht über 7/10 bringen. Der Film bleibt nahe am Buch, Charlie erzählt – bei Bedarf – aus dem Off, was er in seinen Briefen schreibt. Im Medium liegt begründet, dass er nicht so viel erzählen muss, vieles geschieht einfach, ohne dass explizit darauf hingewiesen wird, dass dies seine Erzählung ist und dementsprechend subjektiv eingefärbt sein könnte. Schließlich erfahren wir von sämtlichen Geschehnissen im Buch nur durch Charlies Briefe – im Film sind wir dann direkt dabei. Das erspart Charlie widerum langwierige Erläuterungen und der Zuschauer wird nicht zugetextet.

Was mit Charlie geschehen sein muss, dass ist dem Zuschauer vielleicht eher klar als dem Leser seinerzeit, werden doch gewisse Szenen aus seiner Vergangenheit Stück für Stück in den Film eingestreut, so dass nicht nur seine Erinnerung langsam wiederkommt, sondern auch dem Zuschauer immer mehr dämmert, was Sache ist. Dabei geht der Film mit dieser Thematik genau behutsam um wie mit seinen Hauptfiguren, die Chbosky bei allem was auch geschieht nie der Lächerlichkeit preisgibt oder zu Witzfiguren degradiert. Überhaupt ist viel Gefühl in dieser Coming-of-Age-Geschichte, so dass jede Figur einen Eindruck hinterlässt – allen voran Emma Watson, die in ihrer Rolle richtig aufzugehen scheint – was die Leistung aller anderen Beteiligten aber nicht schmälern soll.

„Right now we are alive and in this moment I swear we are infinite.“

Mixtapes, Klassiker der Literatur, die Rocky Horror Picture Show – selbst für 1991 (dem Jahr der Geschehnisse) ist der Film retro, aber genau das macht auch seinen Charme aus. Hier wird nicht versucht, auf Teufel komm raus cool zu sein, möglichst hippe Charthits zu verwursten oder das neueste Apple-Produkt in die Kamera zu halten. Bei all den tollen Bewertungskriterien, die man sich so ausdenken kann – wie sind die Schauspieler, Ton, Action, Special Effects, Schnitt, Regie, Story – ist „The Perks of beeing a Wallflower“ einer dieser Filme, bei dem man nicht darüber nachdenkt. Es ist ein wundervoller Film über Charlies erstes Jahr an der Highschool, mit allen Freuden, aber auch mit Leid, mit guten Freunden, erster Liebe, aber auch Enttäuschung und er vermittelt gut wie es sein muss, wenn man sich unendlich fühlt.
kritik

9 Kommentare

  1. Pingback: Vielleicht lieber morgen (2012) | Film-Blogosphäre
  2. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Juli 3, 2013

    Ich selbst fand die [SPOILER] Inzest-Story [/SPOILER] hat nicht wirklich in den Film gepasst, vielleicht auch schlicht, weil er sich hier nur am Rande widmet. Ohne den Schmu wäre das Endergebnis imho weitaus runder geworden. So ist das Ergebnis ganz okay, aber nicht wirklich außerordentlich. Ein High-School-Filmchen halt. Logan Lerman kann ich zudem (generell) gar nicht ab und so sehr ich Hermione mag, hier wirkt Watson irgendwie… nicht richtig. Keine Ahnung. Aber Ezra Miller ist toll. Der ganze Film über seine Figur und das hätte was werden können.

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    • Xander · Juli 3, 2013

      Ich finde ja, dadurch dass sich der Film dem Thema nur „am Rande“ widmet, wirkt es besonders – es erklärt ja zum einen, warum er so ist, wie er ist, und zum anderen rechnet man ja eigentlich nicht wirklich mit sowas in so einem Film. Ich fand’s auch gut gelöst wie Charlie ganz beiläufig erwähnt wie sein Freund Selbstmord begangen hat – rechnet man so in der Form auch nicht mit. Und Ezra Miller war wirklich gut – da bin ich deiner Meinung.

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    • Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Juli 3, 2013

      Naja, für mich wäre die Figur in ihrer Awkwardness genauso glaubwürdig gewesen, wenn ihm seine Tante nicht am Willie gespielt hätte. An dem Suizid des Freundes störe ich mich auch nicht, das ist ausreichend Erklärung dafür, dass er sich nach der neuen Clique sehnt. Aber wenn die Tanten-Story nicht existent wäre, würde dem Film meinem Geschmack nach nicht nur nichts fehlen, sondern ihn sogar besser machen. Aber das sind nur persönliche Geschmäcker.

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    • Xander · Juli 3, 2013

      Kennst du eigentlich die Vorlage?

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    • Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Juli 3, 2013

      Nein.

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  3. Wulf | Medienjournal · Juli 3, 2013

    Na da ist unsere Euphorie und Begeisterung für den Film ja ähnlich gelagert. Das Ende war mir zwar ein wenig zu hastig abgewickelt und dafür gab es einen halben Strafpunkt Abzug, aber ansonsten kann ich in allen Punkten zustimmen.

    Und ja, Emma Watson geht in der Rolle wirklich auf, war sogar das erste Mal in der Lage mich zu begeistern.

    Einzig das die Buchvorlage ja anscheinend nicht (ganz) so dolle sein soll ist schade, die hätte ich gerne beizeiten noch gelesen.

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    • Xander · Juli 4, 2013

      Na vielleicht gefällt sie dir ja besser. Leider habe ich mich nicht wirklich erkundigt, wie das Buch von anderen Leuten so bewertet wird. Vielleicht bin ich ja die Ausnahme…

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  4. Pingback: Review: Vielleicht lieber morgen (Film) - Medienjournal

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