WENN DER WIND WEHT [1986]

wind_01Erneut ein Film aus der Abteilung „Katastrophale Fehleinschätzungen der FSK“: Eine Freigabe ab sechs Jahren ist im Grunde nur für die Eltern hilfreich, die lange nicht mehr gesehen haben, wie sich ihre Sprösslinge in den Schlaf weinen. Schade, dass die Begründung hierfür nicht online einsehbar ist, da sie schon zu lange her ist, interessieren würde sie mich schon. Genau genommen ist „Wenn der Wind weht“ zwar ein Film, der Pflichtprogramm in jeder Schule sein sollte, aber doch bitte nicht in der Grundschule.


England, zur Zeit des kalten Krieges: Das Rentnerehepaar Hilda und Jim lebt abgeschieden auf dem Lande in der Nähe von London. Die Nachrichten sind voll von Meldungen über einen bevorstehenden Atomangriff der Russen, welche Hilda zwar auf die leichte Schulter nimmt, für den Jim allerdings strikt nach den Vorgaben der „Protect and Survive“-Broschüre der Regierung Vorkehrungen trifft. Doch als wirkliche Bedrohung empfinden die beiden den bevorstehenden Krieg nicht, schließlich haben sie ja auch den vorherigen Krieg ganz gut überstanden, so schlimm war das ja alles nicht. Und dann fällt die Bombe tatsächlich.

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Tricktechnisch zwar relativ einfach gehalten, aber doch interessant: Hilda und Jim sind gezeichnete 2D-Zeichentrickfiguren, die in einem (größtenteils zumindest) real gefilmten (Miniatur-) Haus gefilmt wurden. Interaktionen mit der Umgebung wurden mit Stop-Motion realisiert. Doch das ist alles nur Mittel zum Zweck. Denn in dem Film geht es nicht um die Tricktechnik, es geht um das Schicksal von Hilda und Jim. Es gibt Filme, über die will man eigentlich im Nachhinein nichts mehr schreiben – „Wenn der Wind weht“ ist so einer, der eine enorme Nachwirkung hat.

wind_03Die Bedrohung war damals real, ebenso wie die erwähnten „Protect and Survive“-Broschüren. Heutzutage lächerlich anmutende Anweisungen, sich wie im Film gezeigt teilweise selbst widersprechend, die für Jim aber Hoffnung bedeuten. Wenn in der Broschüre steht, die Türen sollten im 60°-Winkel an die Wand gelehnt werden, dann zieht er das auch durch, um seiner Hilda und sich den bestmöglichen Schutz zu bieten. Es ist die leichte Naivität der beiden, die sie so menschlich erscheinen lässt, weswegen man zuerst noch mit und über sie lacht, aber wohl wissend, dass es nur einen Ausgang der Geschichte geben kann, und man schämt sich dafür, gelacht zu haben. Der Film ist grausam, beschönigt nichts, hält bis zum Schluss drauf. Das liebenswerte Rentner-Ehepaar von nebenan, das den zweiten Welt-Krieg in jungen Jahren miterlebt hat und ihn nun romantisiert und sich nicht im entferntesten vorstellen kann, was da auf sie zukommt. Man sieht Oma und Opa beim Sterben zu, und eigentlich will man das nicht.

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„Wenn der Wind weht“ ist einer der deprimierendsten Filme, die ich je gesehen habe. Er ist dahingehend sehr gut und absolut empfehlenswert, als das er seine Wirkung nicht verfehlt, wenn man Hilda und Jim und mit ihrer gewissen Naivität beobachtet, Anfangs noch mit und über sie lacht, ihren Gesprächen gebannt zuhört und parallel die Auswirkungen der Atombombe miterlebt, welche die beiden entweder nicht wahr haben wollen oder aber es tatsächlich nicht besser wissen. Es ist kein Film, den ich so schnell noch einmal sehen will. Und ich weiß nicht, ob ich ihn überhaupt noch einmal sehen will. Sechsjährige sollten dies aber auf keinen Fall.
kritik10_xb

5 Kommentare

  1. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · März 16, 2013

    Noch nie von gehört.

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    • Xander · März 16, 2013

      Kannste dir bei YouTube angucken. Wundert mich jetzt aber ein klein wenig!

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    • Florian Lieb (@Flo_Lieb) · März 24, 2013

      So, gesehen. Und gegen dich komm ich jetzt vermutlich total herzlos daher🙂

      Aber der Film hat mich nicht wirklich… weggeblasen. Ich hab viel gelacht und mich nie wirklich dafür geschämt. Dafür waren mir die Figuren zu naiv angelegt und der Film zu demagogisch als Schulfilm konstruiert mit einigen Problemstellen (z.B.Darstellung von Stalon, Juden). Deprimiert hat mich das jedenfalls nicht, aber ich stimme zu, dass eine FSK ab 6 etwas großzügig gewählt wurde. Nicht unbedingt so sehr, weil alles so deprimierend/grausam ist, sondern weil ich bezweifel, dass ein 6-Jähriger tatsächlich alles versteht, was hier auf einen losgelassen wird. FSK 12 hätte gelangt.

      Sehr viel besser zum Thema fand ich HADASHI NO GEN, der ohne dieses – ich nenn es mal böse – „Lächerliche“ auskommt. Vielleicht wäre das ja auch mal was für dich, womöglich findest du ihn aber auch nicht so überzeugend wie den hier.

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    • Xander · März 25, 2013

      Schade dass er dir nicht so gefallen hat. Kann aber auch sein dass bei mir die Erinnerungen an die Erstsichtung als Kind wieder hoch kamen, bei der ich den Film schon verstanden habe, bei der der Film aber seine Wirkung auch nicht verfehlt hat. Deinen Tipp werde ich mir aber mal näher anschauen.

      Aber wahrscheinlich bist du doch einfach nur herzlos. Ja, das wird es sein.

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  2. Pingback: Media Monday #90 | Xanders Blog - Filme.TV.Sowas.

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