Kurzkritik: WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN [2012]

Enthält Spoiler.

Kevin_01Wir müssen über Kevin reden. Doch, das müssen wir tatsächlich. Denn Kevin ist an seiner Schule Amok gelaufen. Warum? Genau darüber müssen wir sprechen. Wurde er in der Schule gehänselt? Hatte er eine schlimme Kindheit? Hat ihn seine Mutter nicht genug geliebt? Oder ist er ganz einfach von Grund auf böse, von klein auf, ein Psycho- bzw. Soziopath aus dem Lehrbuch? Es kann so viele Gründe haben, warum ein fast 16-Jähriger zu Pfeil und Bogen greift und auf seine Mitschüler schießt. Wer jetzt „Killerspiele“ ruft, der macht es sich zu einfach.


Und diese Gründe möchte auch seine Mutter Eva erfahren. Nach der Tat ihres Sohnes am Boden zerstört, von den Nachbarn geächtet und bedroht, getrennt von ihrem Mann Franklin und ihrer Tochter, versucht sie zu ergründen, was schief gelaufen ist. OB etwas schief gelaufen ist. Hat sie als Mutter versagt? Kevin hat es ihr nie leicht gemacht, und das hat sie ihm das ein oder andere Mal auch offen gezeigt. „Kevin, früher war deine Mutter fröhlich. Jetzt wacht sie morgens auf und wünscht sich, sie wäre in Frankreich“ sagt sie gar zu ihm. Also liegt es an ihr? Oder doch an ihm, weil er von Natur aus nicht anders konnte? Eva erinnert sich, wie alles begann, mit ihr und Franklin, mit Kevin.

Und das ist dann der Punkt, wo es einem der Film widerum nicht leicht macht. Denn auch wenn die Sache relativ klar erscheint, auch wenn sämtliche Kevin-Darsteller ihr Bestes geben, um den Jungen so unsymphatisch und böse wie möglich erscheinen lassen: Man darf nicht vergessen, dass es sich um subjektive Erinnerungen Evas handelt. Die alleinige Erklärung, das Kevin „nur“ ein Psychopath ist und sein Weg somit früh feststand, zieht hier nicht, auch wenn alles dafür getan wird, dass man dies glaubt: Eva völlig überfordert mit einem Kind, von dem sie gehasst wird, welches sich allerdings vor dem Vater völlig verstellt und so unmittelbar beteiligt ist an dem Zerfall der Familie.

Die Darsteller überzeugen dabei durch die Bank. Auch wenn Tilda Swinton nicht sehr viel mehr tun muss als verzweifelt zu gucken, nimmt man ihr das erlebte Drama sofort ab, und auch die drei Kevins lassen einen erschaudern und darüber nachdenken, ob man doch Kinder in die Welt setzen möchte (wenn man es noch nicht getan hat).

Es bleibt dabei: Mit Kindern die Kevin heißen hat man es nicht leicht. „We need to talk about Kevin“ ist ein Drama, welches noch lange nachwirkt und bewusst auf eindeutige Erklärungen verzichtet. Somit bleibt es dem Zuschauer überlassen zu entscheiden, wie es zu dieser Tat kommen konnte.

„Warum?“
-„Ich dachte ich wüsste warum. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“

kritik

Ach, und John C. Reilly hat ein echtes Hamsterproblem.

6 Kommentare

  1. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Februar 22, 2013

    Well, well, well. Da kann ich zur Abwechslung ja sogar Wertungstechnisch zustimmen. Einer der Besten von 2012 – wird ja auch unisono durch die Bank quasi so gesagt. Neben „Drive“ vermutlich der Konsensfilm des Vorjahres.

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    • Xander · Februar 22, 2013

      Kurioserweise empfand ich das während der Sichtung nicht mal so. Und dann beginnt man darüber nachzudenken.

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  2. Dos Corazones · Februar 22, 2013

    Ganz grandioses Drama. Da sind durch die Riege alle Darsteller in Bestform und die Art und Weise, wie die Geschehnisse achronologisch angeordnet sind, macht auch einiges her.

    Das ist so ein Film mit Langzeitwirkung, die ich persönlich sehr gerne sehe.

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    • Xander · Februar 22, 2013

      Das mit der Langzeitwirkung kann ich nur bestätigen!

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