Kritik: GOD BLESS AMERICA [2012]

godblessamerica_01Es gibt viele Gründe Amok zu laufen: Mediengeilheit („Natural Born Killers“), Frust, weil man sich unbeachtet und unterbewertet fühlt („Amok“), weil man die Straßen „säubern“ will („Taxi Driver“), oder, im weitesten Sinne, weil man das Verbrechen auf seine Art bekämpfen will („Super“). Vielleicht aber auch, weil man nur noch angekotzt ist von dieser Welt und den Menschen, die in ihr leben, weil man eigene Probleme hat, um die man sich zu kümmern hat („Falling Down“). Warum ich hier krampfhaft versuche, diese unterschiedlichen Filme auf einen Nenner zu bringen? Weil sie alle ein Teil von „God Bless America“ sind.


Die Welt ist scheiße und wir tragen unseren Teil dazu bei. Lassen uns berieseln, von Castingshows, Reality-TV und ähnlichem. „DSDS“, „Dschungelcamp“, „Die Geissens“ – gucken wills keiner, alle kennen es, selbst seriösen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen ist es eine Meldung wert, wem der „Bachelor“ nun seine Rose gegeben hat und wem nicht. Welcher Bauer sich vor der Kamera zum Horst der Nation macht, weil er den Frühstückstisch nur für sich gedeckt hat und nicht für seine gesuchte Frau. Und über wen sich Bohlen neuerdings lustig macht, weil derjenige nicht merkt, in welche Freakshow er mit dem „Supertalent“ geraten ist. Und mit jeder Dokumentation über Riesenbagger auf N24 wird die Gefahr größer, dass „God Bless America“ zur bitteren Realität wird. In welchem Land auch immer: Amerika ist überall. Denn die US of A brachten uns nicht nur Coca-Cola und Burger King, sondern auch das Trash-TV. Natürlich sind die deutschen TV-Anstalten mitschuld an dem Schrott, der da läuft – aber vieles ist eben auch importiert. Und wurde vom deutschen Fernsehpublikum dankbar angenommen.

Frank ist nicht so einer. Getrennt von seiner Frau lebend, will ihn nicht einmal mehr seine Tochter besuchen: Denn Frank kann mit modernen Medien nichts anfangen. Und seine Tochter kann mit Spaziergängen im Park und gemeinsamen Spielen nichts anfangen. Langweilig ist es bei ihm, sagt sie. Und während sie sich darüber aufregt, nur ein Blackberry anstelle eines Iphones bekommen zu haben und Frank parallel im TV sieht, wie sich Millionärstochter und Berufszicke Chloe beschwert, dass falsche Auto geschenkt bekommen zu haben, ist für ihn der Schuldige gefunden. Was folgt, ist eine Odyssee quer durchs Land, bei welcher er von der 16-jährigen Roxy begleitet wird, die einfach nur von allem genervt ist. Gemeinsam haben sie nur ein Ziel: Alle zu töten, die es verdient haben, und sei es nur jemand, der mit seinem Auto zwei Parkplätze belegt.

Endlich mal ein Film, der mir aus der Seele spricht. Als einer von wenigen, die mit dem ganzen TV-Trash wenig anfangen können, nervt es schon sehr auch in anderen Medien (Radio, Zeitung, Nachrichten, Mitmenschen) mit so etwas konfrontiert zu werden. Wie oft denkt man sich da: „Alles scheiße, alles Dreck, eine Bombe, alles weg“. Der Fernseher ist natürlich nicht der einzige Auslöser für Franks Amoklauf, da wäre ja noch seine Ex-Frau und ihr neuer Freund, seine Kündigung, sein Gehirntumor: Richtig gut läuft es für ihn nicht. Und das man ihm das auch abnimmt, dafür ist Joel Murray zuständig, und diese Aufgabe erledigt er mit Bravour. Er IST Frank, dieser altmodische Normalo mit der Pferde-Strickweste, der halt einfach mal genug hat und der nicht ertragen kann, wenn im Kino geredet wird. Unterstützt wird er dabei von Tara Lynne Bar, die aber während des gesamten Films in seinem Schatten steht – deren Rolle aber auch nicht wirklich von Bedeutung ist. Auch wenn sie mich verdammt noch mal die ganze Zeit an eine Schauspielerin erinnert, ich aber nicht drauf komme, an wen.

Klar, das Ende ist so in etwa vorhersehbar, aber auch nur logisch und geht für mich vollkommen in Ordnung. Trotz minimaler Längen im Mittelteil ist „God Bless America“ aber trotz allem eine wunderbar zynische Abrechnung mit den Medien, dabei sehr kompromisslos (man denke nur an die Szene zu Beginn) und ehrlich. Zudem hatte ich nicht das Gefühl dass es nur um möglichst viele Gewaltszenen unter dem Deckmantel einer Mediensatire geht. Alles in allem ein sehenswerter Film, der mit Sicherheit noch die ein oder andere Sichtung erleben wird.
kritik

5 Kommentare

  1. bullion · Februar 21, 2013

    Klingt interessant! Werde ich mir mal vormerken…

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    • Xander · Februar 22, 2013

      Ich glaube allerdings der Jan wird das anders sehen.

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  2. Dos Corazones · Februar 22, 2013

    Kann es sein, dass sie dich ein wenig an die junge Christina Ricci erinnert? Ging mir ein bisschen so – nur weniger Kulleraugen😀

    Zu deiner Kritik – das sehe ich viel kritischer (Überraschung, Überraschung). Ich finde, dass es alleine schon moralisch natürlich schwer vertretbar ist, einen Amoklauf so zu glorifizieren, auch wenn natürlich alles überspitzt dargestellt wird – aber drauf geschissen, das ist eine Satire – nimmt man eh nicht ernst.

    Mein Problem mit dem Film war mindestens die zweite Hälfte (und ich wiederhole mich jetzt nur von anderen Kommentaren, die woanders unter die Reviews geschrieben habe). Denn ist die Mediensatire zu Beginn sehr spitzzüngig und herrlich überdreht, fällt sie aus der zweiten Hälfte eigentlich vollkommen raus. Dann werden einfach Menschen, die irgendwie doof sind, umgelegt – das habe ich in SUPER aber schon besser gesehen. Mir schien es auch eher so, als wäre den Schreibern keine Idee mehr gekommen, die Medienlandschaft noch weiter auseinanderzunehmen – obwohl es da sicher noch mehr Anknüpfpunkte gäbe (Polizeiverfolgungsjagden live im Fernsehen zum Beispiel). Das war einfach schwach gelöst.

    Mit zunehmender Laufzeit hat mich das Geschehen dann einfach genervt, fast noch mehr als das Gerede über diesen ganzen Bullshit von Shows, die im Fernsehen laufen und mit denen auch ich immer wieder konfrontiert werde.

    Wenn schon ein Vigilante/Amok-Film, dann den sehr viel passenderen SUPER, weil der einfach straighter und in seinem Rahmen der Superheldensatire/-parodie viel durchdachter ist.

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    • Xander · Februar 22, 2013

      Vielleicht wäre das ganze dann aber zu sehr in Richtung Komödie abgedriftet. Für meinen Teil fand ich die Mischung so gut.

      Und ich glaube es war Jordana Brewster. Klingt komisch, ist aber so.

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  3. Pingback: God Bless America (2011) | Film-Blogosphäre

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