Kurzkritik: LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG [1968]

Ich denke, so langsam (aber noch nicht jetzt) neigt sich der von manchem Leser so genannte „Westerntrip“ dem Ende zu, mittlerweile hab ich auch mal wieder Lust, Filme aus anderen Genres zu sehen. Wobei das Western-Genre viel Spielraum lässt: Es gibt die alten, amerikanischen Hurra-Western mit ihren Cowboys und Indianern, die desillusionierenden Spätwestern mit ihren alternden Helden, die Komödien, die harten Italowestern, in denen kein Platz für romantische Verklärtheit ist. Und ein gutes Beispiel für eben diese Sorte ist „Leichen pflastern seinen Weg“: dreckig, brutal, pessimistisch. Und verschneit! Was einen schon ein wenig frösteln lässt beim gucken, haben wir doch momentan draußen das gleiche Wetter. Da bringt einem die beste Heizung nichts mehr, bei Winter vor der Haustür und Winter im TV.


Schon die erste Einstellung zeigt einem ein ungewohntes Bild: Der wilde Westen, völlig verschneit. Gut, wenn „der Stumme“ trotz allem noch schnell ziehen kann, haben so die ihm auflauernden Kopfgeldjäger keine Chance und ihr Blut tränkt den Schnee. Für Geld tut er das, was Kopfgeldjäger ansonsten tun: Töten, und zwar eben jene Kopfgeldjäger. Im kleinen Städtchen Snow Hill wartet ein neuer Job auf ihn, der aber nicht nur ein Job ist, sondern ihn auch mit seiner Vergangenheit konfrontiert…

In Snow Hill gibt es nichts zu lachen. Grob vereinfacht: Wer „dem Staat“ (respektive dem Friedensrichter & Geschäftsmann Pollicut) nicht passt, bekommt keine Arbeit, wird zum Stehlen gezwungen, um sich zu ernähren, wird aufgrund dessen ausgestoßen, es wird ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, was wiederum die Kopfgeldjäger anlockt. Wo der typische Kopfgeldjäger auf der Seite des Gesetzes handelt, um Verbrecher zu jagen, verschwimmen hier die Grenzen, ist es Loco (Klaus Kinski) doch ziemlich egal, wen er tötet, da er nur auf die Prämie aus ist – im Rahmen des Gesetzes, versteht sich. Und das Gesetz wird hier großzügig genutzt, geschieht (laut Corbucci) doch kein einziges, in der damaligen Zeit als solches angesehenes Verbrechen während des gesamten Films. Wenn jemand stirbt, geschieht dies aus „Notwehr“.

Es ist nicht nur der für die damalige Zeit ungewöhnliche Gesellschaftsbezug in einem Italowestern, der den Film auszeichnet, auch die Darsteller tun ihr Übriges. Klaus Kinski als gewissenloser Loco oder Jean-Louis Trintignant als der Stumme – für diese Rollen hätte man keine besseren Darsteller finden können, die ihre „eiskalten“ Rollen im schneebedeckten Westen gut ausfüllen. Es ist aber eben auch diese Kälte, was mich (zugegeben, nur ein wenig) störte: Der Zuschauer wahrt von Beginn an eine gewisse Distanz zum Film, da ist nichts (oder nicht viel), was auch nur in irgendeiner Form ein wie auch immer geartetes Gefühl auslöst – vom Ende einmal abgesehen, welches man bei der Erstsichtung so nicht erwartet. Das aber auch sehr viel stimmiger und passender ist als das angebliche „alternative“ Ende. Ich sag nur: Eisenhandschuh. Vom Ende zum Anfang: Dieser ist doch etwas holprig geraten, vielleicht muss man sich aber auch erst an das Setting und die leichte Wackelkamera mit all ihren Zooms gewöhnen.

Dreckig, brutal, pessimistisch: Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ gehört zu den Großen des Genres, wenn meiner Meinung nach auch nicht zu den Besten. Klaus Kinski in einer Paraderolle, ein stimmiger Score von Morricone, ein erschütterndes Finale: Großes Kino.
kritik8

6 Kommentare

  1. Dominik · Januar 19, 2013

    Klingt gut. Ich glaube, dass ich nach Django demnächst auch wieder ein bisschen mehr ins Western-Business einsteige. Habe ich seit „Todeszug nach Yuma“ sehr vernachlässigt…

    Der war aber sehr, sehr sehr gut.

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    • Xander · Januar 20, 2013

      Welcher war „sehr sehr sehr“ gut – der Todeszug? Dann wären da aber mindestens zwei „sehr“ zu viel!

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    • Dominik Höcht · Januar 20, 2013

      Jep, der Todeszug. Ich fand den so richtig großartig. Und es ist mir völlig Wurst, wenn ich damit alleine dastehe.😉

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    • Xander · Januar 20, 2013

      Das Gefühl kenn ich!

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