Kurzkritik: CARRASCO, DER SCHÄNDER (THE OUTRAGE) [1964]

carrasco_01Der Originaltitel „The Outrage“ ist ja relativ neutral, macht ein wenig neugierig, aber „Carrasco, der Schänder“ klingt ja weiß Gott wie. Ein Film ohne Jugendfreigabe, ein Ekel-Western, ein abscheuliches Machwerk. Denkt man sich. Weswegen ich ihn aus Neugierde auch gesehen hab. Aber: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Der Film basiert auf dem japanischen Film „Rashōmon“, welcher wegweisend für die Filmindustrie sein soll (ich persönlich habe ihn nicht gesehen) und auf dem der Begriff „Rashōmon-Effekt“ beruht – was ist die Wahrheit, wenn man diese aus verschiedenen Erzählungen rekonstruieren muss, die sich jeweils signifikant unterscheiden? Gibt es DIE Wahrheit überhaupt oder ist eh alles subjektiv und wahrnehmungsabhängig? „Carrasco“ ist nicht die Art leichte Kost, die der deutsche Titel „verspricht“ sondern eher schwer verdaulich, wenn man sich ganz auf ihn einlässt.


Drei Männer treffen sich im strömenden Regen am Bahnhof: Ein zweifelnder Priester, ein Goldgräber und ein Betrüger. Der Priester will die Stadt verlassen, denn ein zuvor stattgefundener Gerichtsprozess ließ ihn an seinem Glauben zweifeln. Der Betrüger will wissen, worum es geht, und so erzählt der ebenfalls bei dem Prozess dabei gewesene Goldgräber die Geschichte von dem Prozess: Der berüchtigte Bandit Carrasco hat eine Frau vor den Augen ihres gefesselten Mannes vergewaltigt, anschließend kam der Mann durch einen Dolch zu Tode. Das sind die Fakten – aber wie kam es zum Tod des Mannes? Dem Richter werden drei Varianten der Geschichte erzählt…

Die Vergewaltigung einer Frau vor den Augen ihres wehrlosen Mannes und ein anschließender Mord: Carrasco (Paul Newman) wurde dem Anschein nach zu Recht schuldig gesprochen. Doch während die begangene Vergewaltigung außer Frage steht, bleibt doch zu klären, wie der Mann zu Tode gekommen ist. Drei subjektive Geschichten, die zwar in sich schlüssig, zueinander aber im Widerspruch stehen. Und am Ende die Frage nach der grundsätzlichen Ehrlichkeit des Menschen, wenn selbst der Priester (in ungewohnter Rolle: William Shatner) ins Zweifeln kommt.

Eine interessante Bildsprache, eine spannende Geschichte und glaubwürdige Darsteller: „Carrasco, der Schänder“ ist weit mehr als der deutsche Titel verspricht und dadurch durchaus sehenswert. Ein etwas anderer Western mit Tiefgang, den ethische und philosophische Fragen mehr beschäftigen als Pistolenduelle. Ein filmisches Experiment – und ein gelungenes dazu.
kritik8

Sag was dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s