Kritik: ERBARMUNGSLOS [1992]

„She was a comely young woman and not without prospects. Therefore it was heartbreaking to her mother that she would enter into marriage with William Munny, a known thief and murderer, a man of notoriously vicious and intemperate disposition. When she died, it was not at his hands as her mother might have suspected, but of smallpox. That was 1878.“

Denkt man an Clint Eastwood, denkt man unweigerlich auch an den Mann ohne Namen mit Zigarillo und Poncho, der für so viele Western stilprägend war und mit „Zwei glorreiche Halunken“ zudem auch noch einen der besten Western überhaupt hervorbrachte. Und auch wenn das Genre des Western nie wieder so beliebt wie in den 60er Jahren war, so war Eastwood scheinbar noch nicht durch mit dem Thema, so dass er sich 1992 erneut in den Sattel setzte, um durch die Prärie zu reiten. Aber nicht alleine: Mit Morgan Freeman und Gene Hackman (und ihm selber in der Hauptrolle) ist sein Streifen zudem auch noch hochkarätig besetzt. Ob das funktioniert? Kann so ein Rentnerwestern mit einem der Ikonen der damaligen Zeit auch jetzt noch begeistern? (Spoiler sind zu erwarten!)


William Munny, einst ein berüchtigter Revolverheld, ließ sich vor zehn Jahren nieder und heiratete seine Frau Claudia. Mit ihr bekam er zwei Kinder, aber Claudia starb vor 3 Jahren, und sie war es, die ihn auf den rechten Pfad der Tugend brachte, weg vom Alkohol, hin zum Farmersleben. Jetzt schlägt er sich mehr schlecht als recht durch Leben, doch als ihm ein junger, aufstrebender Revolverheld namens Kid eine Beteiligung an einem Auftragsmord anbietet, willigt er ein: Er braucht die Belohnung, um seinen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen…

„It’s a hell of a thing, ain’t it, killin‘ a man. You take everything he’s got… and everything he’s ever gonna have…“
– „Well, I guess they had it… comin‘.“
„We all got it comin‘, Kid.“

Western, dass sind knallharte Cowboys, einsame Männer, die für Ehre und Dollars töten, bei denen ein Menschenleben nicht zählt. Whisky, Colts, Saloon-Schlägereien, Duelle im Sonnenaufgang. Sengende Hitze, vertrocknete Sträucher, die über die Straße geweht werden, der tägliche Kampf ums Überleben. The good versus the bad. So kennt man den wilden Westen – glaubt man zumindest. Und nun kommt Clint Eastwood und zeigt uns in Eigenregie (im wahrsten Sinne des Wortes), dass das nicht alles war. Dass das nicht wahr ist. Der wilde Westen war vielleicht wild, aber Menschenleben zählten durchaus, töten war nicht so einfach, wie man sich das vorstellte. All die Legenden über die Revolverhelden – Geschichten, nichts weiter, in „Erbarmungslos“ beispielhaft aufgeschrieben von English Bobs Biografen.

Die Helden von einst, sie waren keine. Volltrunkene Kriminelle, die sich mit mehr Glück als Verstand ihren Weg freischossen und sich nicht mal mehr daran erinnern, wie sie das geschafft haben. Die junge Generation, die ihr nacheifert, die Taten nur aus glorifizierten Geschichten ihrer Eltern kennt und einsehen muss: Töten hat nichts mit Ehre zu tun und ist gar nicht so einfach. Die Helden von einst: Begegnet man ihnen persönlich, man ist vielleicht enttäuscht. Ahmt man sie nach, entsteht Ensetzen, die Bewunderung weicht. Eastwoods Abschluss mit dem Western-Genre ist kein versöhnlicher, sondern eher ein Abgesang auf die Helden des wilden Westens. Ausgearbeitete Charaktere und ein ausgefeiltes Drehbuch: So war’s damals wirklich. Gut gegen Böse: In der Theorie, natürlich, aber: NUR gut gibt es nicht. Aber auch nicht NUR böse. Der knallharte Sheriff, der gegen jeden durchgreift, der auch nur eine Waffe in seiner Stadt trägt, auch er nur ein Mensch, der so stolz ist auf sein selbstgebautes Haus, in dem aber keine Wand gerade ist. Nicht nur ein bad guy – ein Mensch, der für etwas lebt, wenn auch nicht so, wie man das gerne hätte.

„I don’t deserve this… to die like this. I was building a house.“
– „Deserve’s got nothin‘ to do with it.“
„I’ll see you in hell, William Munny.“
– „Yeah.“

Eastwoods „Unforgiven“ ist ein großartiger Film, der seine Wirkung umso mehr entfaltet, je näher man er zum Ende kommt. Wenn Will von Dans Tod erfährt, ist nicht nur er schockiert, sondern auch der Zuschauer, der das ja selber noch nicht wusste. Dan, der sich ja nun wirklich nichts zu Schulden hat kommen lassen und sogar schon auf dem Rückweg zu seiner Frau war und dessen Leichnam jetzt vor dem städtischen Saloon verhöhnt wird: Wills Griff zur Flasche wird verständlich, was nun folgt, ist jedem klar.

Wer in seinem Leben nur noch einen einzigen Western sehen will, der sollte zum Abschluss „Erbarmungslos“ schauen. Eastwood beraubt dem Genre seinen Mythos und zeigt zum einen, dass es keine Helden gibt und zum anderen, dass Töten nichts Ehrenvolles hat.

„Some years later, Mrs. Ansonia Feathers made the arduous journey to Hodgeman County to visit the last resting place of her only daughter. William Munny had long since disappeared with the children… some said to San Francisco where it was rumored he prospered in dry goods. And there was nothing on the marker to explain to Mrs. Feathers why her only daughter had married a known thief and murderer, a man of notoriously vicious and intemperate disposition.“

kritik9

8 Kommentare

  1. bullion · Januar 13, 2013

    Klingt gut und wird für eine zukünftige Westernsichtung vorgemerkt.

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    • Xander · Januar 13, 2013

      Auf jeden Fall! Auch für Nicht-Western-Fans gut geeignet.

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  2. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · Januar 13, 2013

    Für mich ist ja Dances with Wolves der Western, der alle Western abschließt. Der hier ist natürlich auch nicht schlecht.

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    • Xander · Januar 13, 2013

      Wie gesagt, den tanzenden Wolf müsste ich mal wieder sehen, ist echt zu lange her.

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    • bullion · Januar 13, 2013

      Stimmt, „Dances with Wolves“ habe ich ganz vergessen. Ist auch einer meiner Lieblingswestern bzw. sogar genreübergreifend Filme.

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