Kurzkritik: DAS FEST [1998]

Wer kennt sie nicht, die Familienfeste, zu denen sie alle kommen, von nah und fern, Freunde, Verwandte, Bekannte. Gute Laune ist angesagt, egal was passiert, niemand mag negative Gedanken hegen, bei Geburtstagen steht das Geburtstagskind im Vordergrund, persönliche Differenzen müssen da schon mal hinten an stehen. Egal, wie man zu dem Jubilar steht: Er hat Geburtstag, und da wird gefälligst gefeiert. Und auch die Abläufe sind jedem geläufig: Die Begrüßung – wie gehts, gute Anreise gehabt, Mensch, was seid Ihr groß geworden, ja, ist viel zu lange her, wir sollten uns öfter sehen, für mich keinen Sekt, danke. Dann gehts zu Tisch, ein Hoch auf das Geburtstagskind, die Suppe ist aber lecker, schön ist es hier, da hat er sich aber Mühe gegeben. Same procedure as every time, Familienfeiern sind doch größtenteils austauschbar, die selben Gesichter, die immer das gleiche erzählen, zu unterschiedlichen Anlässen. Doch manchmal kommt es anders, als man denkt.

Familienoberhaupt Helge hat Geburtstag, und auch hier kommt die ganze Familie zusammen. Die Söhne Christian und Michael, letzterer mit Frau und drei Kindern sowie Tochter Helene, Oma und Opa und viele Freunde und Bekannte. Die Stimmung ist irgendwie komisch, gezwungen fröhlich: Noch ist es nicht allzu lange her, das Helges Tochter Linda Selbstmord begangen hat, was jedes Familienmitglied auf seine Weise verarbeitet. Doch das ist nicht alles, was bei dem eigentlich fröhlichen Fest auf die Stimmung drückt, denn als Sohn Christian seinem Vater die Wahl lässt, welche von zwei vorbereiteten Reden er gerne hören möchte, wählt dieser unwissend die folgenreichste…

„Dogma 95“ war ein Manifest, welches vorschrieb, auf welche Art die Filme produziert werden sollten, die sich danach richteten. Als Gegenbewegung zum modernen Film gedacht, mit all seinen Effekten und Sonderausstattungen, wollte die Dogma-Bewegung die Filme realistisch machen. Gedreht werden durfte nur „on location“ mit den vorhandenen Requisiten, künstliche Lichtquellen waren verboten, die Filme durften keine bestimmten Genres bedienen und mussten in der Gegenwart spielen. Auch sollte die Sprache natürlich wirken – der Zuschauer sollte, vereinfacht gesagt, das Gefühl haben, wirklich dabei zu sein, Film als Kunst, die keine Kunst sein will. Mit der erste Film, der nach diesen Prinzipien gedreht wurde, war „Das Fest“ von Thomas Vinterberg. „Das Fest“ ist auch der erste Dogma-Film, den ich bisher gesehen habe und er hat mir deutlich gezeigt: Das is nicht so meins. Unruhige Kamera, krisselige Bilder – besser wäre es gewesen, aus dem Film eine Art Found-Footage-Geburtstagsvideo zu machen, oder eine Mockumentary. Hätte ein Gast dieses Drama gefilmt, wäre die Wirkung eine ganz andere gewesen. So fragt man sich höchstens, ob der Kameramann auf Droge war.

Alleine von der Geschichte und ihrer Entwicklung her hat der Film Top-Wertungen verdient, denn es ist überraschend, in welche Richtung sich das Fest entwickelt und wie sich die einzelnen Figuren darauf einstellen. Einzig mit der dogmatischen Inszenierung kann ich recht wenig anfangen – „Das Fest“ ist die Art Film, die ich gerne in einer „konventionelleren“ Machart gesehen hätte. Er ist auf seine Art sehenswert, keine Frage. Aber die meiner Meinung nach amateurhafte Wirkung die er hinterlässt schmälert den Gesamteindruck doch ziemlich.

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