Kritik: OBEN [2009]

Es gibt nicht nur Pixar. Das wollen wir doch mal klarstellen. In der Zeit zwischen den Pixar-Titeln kommen so viele Animationsfilme in die Kinos, die um die Zuschauer buhlen, doch wenn man Leute nach ihren Animationslieblingen fragt, werden doch erstaunlich oft Filme aus John Lassiters Firma genannt. Zufall? Wohl nicht. Insbesondere mit „Toy Story“ revolutionierte Pixar das Genre, und das nicht nur aufgrund technischer Perfektion. Es waren auch die erzählten Geschichten, die es manchmal in der Form noch nicht gab, und selbst wenn, wurden sie so hintergründig und humorvoll erzählt, das man oft das Gefühl hatte, vor Pixar gab es das nicht. Sprechende Autos, verliebte Roboter, eine Familie voller Superhelden und kochende Ratten – es gibt nichts, was es nicht gibt. Und genau deswegen kann auch ein alter Mann mit Hilfe hunderter Luftballons mit seinem Haus wegfliegen.


Ellie und Carl Fredricksen finden sich als Kinder sofort sympathisch, da sie beide die Begeisterung für den Abenteurer Charles Muntz teilen. Später werden Sie ein Paar, heiraten und hegen als gemeinsamen Traum, einmal wie ihr Idol zu den Paradiesfällen nach Südamerika zu reisen. Aber wie das nun mal so ist, immer kommt etwas dazwischen, die Jahre vergehen, bis Ellie stirbt und Carl alleine im gemeinsamen Haus lebt. Als es soweit ist und er in eine Seniorenresidenz ziehen soll, rafft er sich auf: Hunderte, tausende mit Helium gefüllter Luftballons heben sein Haus an und sollen ihn zu den Paradiesfällen fliegen. Dumm nur, dass sich genau in diesem Moment der Pfadfinder Russell auf seiner Veranda befindet, der ihn von nun an begleitet…

Ich habe bei dem Film ja mit allem gerechnet, aber nicht mit sowas. Der Trailer versprach ja einen fröhlichen Abenteuerfilm mit sprechenden Hunden, aber insbesondere in der ersten halben Stunde wird man eines Besseren belehrt. Das ist Charaktereinführung, wie sie sein sollte, mit einer für Kinderfilme ungewöhnlichen Intensität und Liebe zu den Figuren erfährt man hier Carls Vorgeschichte, so dass man seinen Charakter direkt ins Herz schließt. Auch macht sich in dieser Einführung schon eine gewisse Melancholie breit, die sich durch den ganzen Film ziehen wird und somit auch gleich zu Beginn auf die Tränendrüse drückt. Damit erreicht der Film zwar nicht die Tiefe eines „Sam & Max“, hat mich aber durchaus an manchen Stellen an diesen erinnert. Ellie und Carl haben mehr Seele als menschliche Darsteller in so manchem Blockbuster. Humor und Traurigkeit wechseln sich hier ab und lassen den Film nie langweilig werden, nie wird es „zu sehr“, das Timing stimmt.

Wie langweilig bis hier hin: Denn auch auf technischer Seite gibt es absolut nichts zu bemängeln. Die Animationen sind absolut passend, detailverliebt und fallen nie negativ auf, Emotionen werden so transportiert, wie sie sollen und auch wenn ich mir den Film „nur“ in 2D angesehen habe: Mir ist keine Stelle aufgefallen, die ich zwingend in 3D hätte sehen müssen oder schlimmer noch: Die auffallend gewollt für 3D in den Film aufgenommen wurde.

Und doch, ähnlich wie bei „Wall-E„: Die zweite Hälfte des Films lässt einfach nach. Eine ganze „Armee“ sprechender Hunde und eine plötzlich Kehrtwende zum Abenteuerfilm: Dieser Teil der Story wirkt nicht nur etwas aufgesetzt, um noch Action in den Film zu bringen, sondern auch nicht wirklich logisch. Wie viel besser wäre es gewesen, wenn sich der Film auf Carl, Russell, Kevin & Doug konzentriert hätte, ein Abenteuer im kleineren Rahmen – das hätte zur ersten Filmhälfte gepasst und wäre unter Umständen auch witziger gewesen. Denn der Einfall mit dem sprechenden Hund verliert natürlich an Reiz, wenn es an die hundert Hunde sind, die plötzlich sprechen können. Wurde ich zu Beginn noch positiv an einen anderen Film erinnert, so kann man dies hier nun negativ verstehen, wenn sich „Oben“ im zweiten Akt bei „Cats & Dogs“ oder sonstigen Filmen mit sprechenden Tieren einreiht. Sprechende Hunde in Flugzeugen. Ok.

Nein, es gibt nicht nur Pixar. Aber auch nach diesem Film muss man sagen: Pixar hat es nur mehr drauf als die anderen. Denn neben technisch einwandfreien Animationen haben die Figuren hier noch eine Seele, die Geschichten Witz und Tiefgang, bieten nicht nur etwas für die Kleinen, sondern auch (oder in diesem Fall: vor allem für) die Erwachsenen. „Oben“ beginnt sehr stark, lässt dann aber etwas nach, was den Gesamteindruck ein wenig schmälert.

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10 Kommentare

  1. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · April 8, 2012

    Ist glaub ich neben CARS der einzige Pixar, mit dem ich nichts anfangen kann.

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  2. maloney · April 8, 2012

    Allein für die ersten 10 Minuten hätte der Film den Oscar verdient!

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    • Dominik Höcht · April 8, 2012

      Absolut. Pixar schafft es in 10 Minuten ohne Worte mehr auszudrücken als so mancher Film in 2 Stunden. Ganz großes Kino!

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  3. bullion · April 8, 2012

    Sehe ich im Prinzip genauso (Abfall in zweiter Filmhälfte), doch eben einen Tick besser, weshalb es bei mir 9 Punkte gab.

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  4. Dos Corazones · April 9, 2012

    Ähem, das sind keine sprechenden Hunde. Die Gedanken der Hunde werden bloß durch ein Gerät verständlich gemacht, das ist ein wichtiger Unterschied und macht dadurch einige Witze („squirrel“) überhaupt erst möglich 😉

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    • Xander · April 10, 2012

      Schon klar. Ist aber schneller ( und in der Regel für alle verständlich, die, die den Film nicht kennen und die, die ihn kennen), wenn man eben schreibt „sprechende Hunde“. Was die Sache mit den Flugzeugen aber auch nicht besser macht. Sooo wichtig finde ich den Unterschied nicht. Das „Squirrel!!“ könnten die Hunde auch genausogut sagen.

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  5. Florian Lieb (@Flo_Lieb) · April 10, 2012

    Die Ehe im Schnelldurchlauf war ganz nett, aber für mich nicht der Tearjerker als der er gepriesen wurde. Zudem retten selbst in der Theorie gute erste 10 Minuten nicht 80 durchschnittliche im Anschluss. Wie gesagt, so wie „Cars“ einfach nicht mein Fall.

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    • Xander · April 10, 2012

      Schon klar. wollte halt nur mal deine Meinung zu den ersten zehn Minuten wissen. Wenn der Rest für dich nicht passt bzw. nur Durchschnitt ist, dann helfen die auch nicht, stimmt schon.

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  6. Pingback: Oben (2009) | Film-Blogosphäre

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