Kritik: 127 STUNDEN [2011]

Eigentlich konnte bei dem Film 127 Stunden mit Danny Boyle als Regisseur ja gar nichts schief gehen. Wenn ich von all seinen Filmen auch nur Trainspotting, 28 Days Later und Sunshine gesehen habe, so sind diese doch allesamt ziemlich super. Bei Slumdog Millionaire gehe ich auch erst einmal davon aus, bis mir eine Sichtung das Gegenteil beweist. Natürlich war die Umsetzung der Geschichte von Aron Ralston bestimmt nicht einfach, geht es doch, vereinfacht gesagt, nur darum, wie er 127 Stunden mit seiner Hand in einer Felsspalte feststeckt. Wie soll das einen Spielfilm füllen?

Man sollte denken, dass dann eben die Vorgeschichte Zeit in Anspruch nimmt, oder, wer den Ausgang der Geschichte nicht kennt, dass nebenbei noch von einer Suchaktion erzählt wird – nichts dergleichen. Recht schnell sind sowohl Aron als auch der Zuschauer im Canyon gefangen, und die Geschehnisse im Vorfeld scheinen weit weg. Der Film beginn in der lauten, bunten und hektischen Stadt, was uns Boyle mittels Splitscreen dreimal so deutlich machen will (und was ihm auch gelingt). Ist Aron erst mal eingeklemmt, kehrt fürs erste Ruhe ein. Und eine Ansicht auf seine Situation aus der Vogelperspektive macht deutlich, dass er echt in der Scheiße sitzt.

Und das zeigt man am besten, in dem man den Zuschauer an Arons Empfindungen teilhaben lässt, sie visualisiert. Dabei sind es nicht einmal die Schmerzen, auf die der Film – bis es zum Unausweichlichen kommt – kaum eingeht. Es ist beispielsweise der Durst und die drohende Wasserknappheit, die einem mehr als deutlich gemacht wird, der sich einschleichende Wahnsinn, wenn Aron halluziniert oder sich selber interviewt, inkl. Applaus und Publikumsgelächter vom Tonband. Und es sind Flashbacks (oder Halluzinationen?) von früher, seiner Exfreundin, seiner Familie, durch die man dem Protagonisten, der einem bis dato verhältnismäßig egal war, etwas näher kommt. Er wird einem nicht sympathisch, aber man wünscht ihm auch nicht den Tod. Und wenn der „Hollywood Reporter“ schreibt: „Jon Harris‘ Schnitt ist makellos“ möchte man hinzufügen: Der hatte ja auch besseres Schneidewerkzeug zur Verfügung als Aron.

127 Stunden ist ein großartiger Film. Es ist wirklich sehr lange her, das ich das letzte mal im Kino so von der intensiven Atmosphäre, die der Film aufbaut, mitgerissen wurde. Die Leistung Francos sowie die audiovisuelle Umsetzung lassen den Zuschauer mitlachen, mitbangen und sogar leichte Phantomschmerzen im rechten Arm verspüren. Wir hätten an dem Abend auch 72 Stunden mit Russell Crowe gucken können. Was 55 Stunden doch für einen Unterschied machen können: Denn DEN Film hätte man am nächsten Morgen bestimmt wieder vergessen. Bei 127 Stunden wird das nicht so schnell geschehen.