Kritik: INCEPTION [2010]



Wieder einmal ein Film, um den es einen großen Hype gab, bevor er überhaupt startete. Niemand wusste eigentlich so wirklich, worum es überhaupt geht, aber die ersten Teaser und Trailer ließen Großes vermuten. Dementsprechend groß war dann auch meine Neugierde, und konsequent habe ich es geschafft, mir im Vorfeld keinerlei Kritiken, Inhaltsangaben oder weitere Trailer mehr anzuschauen, um völlig vorbehaltlos in den Film zu gehen. Hin und wieder schnappte ich mal eine Wertung auf, und moviepilot sagte mir schon, dass ich dem Film 9/10 Punkte geben würde. Auch das ließ Großes vermuten.

Die einzige Vorbereitung, die ich mir dann doch erlaubt habe, war die Lektüre des Comic-Prologes kurz vor dem Kinobesuch. Es sollte die Vorgeschichte sein, die endet, wo der Film einsetzt – insofern schien es mir legitim. Wer aber den Film noch sehen will und so wie ich völlig unvereingenommen die Story „erleben“ will, der sollte sich den Rest meiner Review schenken. Man kann kaum über den Film sprechen, ohne zu viel zu verraten. Also: Spoiler ahead.



Inception präsentiert sich wie eine Mischung aus The 13th Floor und Oceans 11 – garniert mit ein wenig The Matrix. Jeder Teil für sich genommen wäre insofern nichts Neues, doch genau diese Kombination macht ihn in meinen Augen interessant. Dominic Cobb (Leonardo DiCaprio) betreibt eine moderne Form der Industriespionage: Als „Extractor“ vermag er es, sich in die Träume anderer Menschen einzuklinken und ihnen so Geheimnisse zu entlocken. Nach einem fehlgeschlagenen Job bekommt er ein neues Angebot: Er soll für einen gewissen Saito einen Gedanken in den Kopf seines Konkurrenten Fisher setzen. Kein Diebstahl also, sondern wenn man so will Gedankenmanipulation. Wenn Fisher aufwacht, soll er der Meinung sein, es wäre das Beste, das Imperium seines Vaters aufzulösen – so dass Saito mit seiner Firma in eine Vormachtstellung rückt. Kein einfaches Unterfangen, denn so eine „Inception“ ist bisher, scheinbar, noch nie geglückt. Doch Cobb trommelt ein Team zusammen und wagt es – nicht ohne Hintergedanken. Da er in den USA von der Polizei gesucht wird, weil er angeblich seine Frau ermordet hat, kann er nicht zurück zu seinen Kindern. Saito bietet ihm einen Deal an: Cobb erledigt den Job und Saito tätigt den einen Anruf, der ihn von allen Vorwürfen entlastet…

Es könnte alles so schön sein: Nach dem ersten Teaser hatte man ja schon Vorstellungen, was einen eventuell erwartet. Allein die Szene, in der Paris im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt wird, ließ einen auf einen visuell atemberaubenden Film hoffen. Dies ist Inception ohne Frage auch, doch dient eben diese Szene nur als Einführung in das Machbare innerhalb eines Traumes, ähnlich den Szenen, in denen Neo mit der Matrix vertraut gemacht wird. Denn danach gilt der Grundsatz: Alles so realistisch wie möglich, damit der Träumende nicht merkt, dass er träumt. Schade eigentlich, wird doch auch grade dieser Grundsatz später etwas über den Haufen geworfen. Wenn sich Cobbs Team harte Kämpfe mit Fishers Unterbewusstsein liefert, weil eben dieses längst gemerkt hat, was Sache ist, da hätte Nolan ohne Weiteres noch ein paar Spielereien einbauen können. Nicht nur, um das Finale optisch aufzupeppen, sondern eben auch, um deutlicher machen: Nichts hier ist real, es wird nur geträumt, alles ist möglich. Aber so ist alles beim Alten, sogar sterben können die Träumenden in dieser Phase des Films, denn praktischerweise gilt dann der Grundsatz, dass man beim Tod einfach nur aufwacht, nicht mehr. Feste Grundsätze gibt es halt nicht in der Traumwelt. Und das es eine Traumwelt ist, wird zu oft angedeutet, aber zu selten gezeigt – etwa, wenn eine Treppe frei nach Escher so umkonstruiert wird, das man nach unten läuft und trotzdem oben ankommt. Oder so. Mehr davon wäre gut gewesen.

Davon einmal abgesehen, bietet Inception ein wenig mehr Anspruch als der durchschnittliche Blockbuster der letzten Zeit (gewagte Beispiele: Kampf der Titanen oder etwa Transformers 2). Kein simples Ziel, was unter Mithilfe eines Love Interest und ein oder zwei Sidekicks erreicht werden muss. Hier heißt es aufpassen, um den Sprüngen innerhalb der verschiedenen Level des Unterbewusstseins noch folgen zu können. Wie formulierte es Roger Ebert (den ich allerdings seit seiner positiven Bewertung zu Akte X 2 nicht mehr so ganz ernst nehmen kann): Entweder man kann den Film in ein paar Sätzen erklären, oder gar nicht. Das man durch dieses aktivere Schauen, im Gegensatz zum passiven Berieseln lassen, einfach mehr von dem Film hat, ist ein netter Nebeneffekt. Obwohl: Ein grundsätzliches Verständnisproblem dürfte es nicht geben. Man hat das Gefühl, Ellen Pages Rolle als Traum-Architektin, die neu im Geschäft ist, soll den Zuschauer mit der Materie vertraut machen. Auch sie weiß zu Beginn nicht wirklich, was los ist und muss sich deshalb vieles erklären lassen. Auf diese Weise wird dem Zuschauer einiges an Interpretationsarbeit abgenommen. Inception will wesentlich inteligenter, anspruchsvollerer und visionärer sein, als er es tatsächlich ist – und es wäre besser, wenn er es auch tatsächlich wäre.

Längen bekommt der Film, wenn es um Cobb und seine Frau geht. Dann wird getrauert, erklärt, lang und breit gezeigt. Ob das so sein musste, sei dahingestellt. Ich hätte es lieber anders gehabt, und einen anderen Ausweg aus Cobbs persönlichem Dilemma als den gewählten hätte es mit Sicherheit auch gegeben. Aber schließlich musste er ja einen Antrieb und Grund haben, so zu handeln, wie er handelt.

Aber auch so bleibt ein Film, der sehr viel Spaß machen kann, wenn man sich auf seine Ideen einlässt. DiCaprio füllt seine Rolle in meinen Augen etwas besser aus als noch in Shutter Island – auch wenn seine Wandlungsfähigkeit nur Nuancen zu umfassen scheint. All die negativen Aspekte fallen einem im Grunde erst nach dem Film auf, denn währenddessen hat man gar keine Zeit oder Lust, sich mit soetwas zu befassen, so sehr zieht einen Inception in seinen Bann. Das Beste ist allerdings: Auch wenn der Film, will man es ganz genau nehmen, seine Ideen vielleicht aus anderen Filmen entnommen zu haben scheint, so ist er doch ein Original. Hier wurde kein Klassiker neu aufgelegt, kein Bestseller verfilmt oder ein Hit fortgesetzt. Inception, der Nolans Bedingung war, um Batman 3 zu realisieren schafft es tatsächlich, auf eigenen Beinen zu stehen, Blockbuster-Kino mit ein wenig Nachdenken zu verbinden und dabei auch für ein breites Publikum viel zu bieten.

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14 Kommentare

  1. lalia · August 3, 2010

    oi, du siehst Längen und bist auch auf mehr Augenschmaus eingestellt, dabei ist es doch so toll, dass ein Hollywood Blockbuster im Arthouse-Stil daher kommt ^^

    Also ich fand den Film nicht spektakulär und dennoch ist es eine Perle der Filmindustrie, die das Filmfanherz lange bewegt. Gelungene Umsetzung von schwerem Stoff in eine einfache Bildersprache. Die Inception hat doch wunderbar geklappt 😉

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  2. Xander · August 3, 2010

    „oi, du siehst Längen“
    Ja, ich denke schon das manche Szenen nicht zum Erzähltempo des übrigen Films passten und ein wenig den Fluss störten.

    „bist auch auf mehr Augenschmaus eingestellt“
    Nicht generell, aber das hätte so gut zum Thema des Films gepasst und der Film wäre ja trotzdem noch

    „in Hollywood Blockbuster im Arthouse-Stil“
    geblieben. Oder ist Arthouse gleichbedeutend mit „keine Effekte“? Ich denke einmal, da geht es mehr ums Thema bzw. die Prämisse des Films an sich.

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  3. lalia · August 3, 2010

    nju mit Arthouse meinte ich eher die langsame Erzählart und den inhaltlichen Kern.

    Doch das interessanteste an dem Film ist doch die Diskussionsmöglichkeiten *g* : fiel er um, oder nicht?!

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  4. Xander81 · August 4, 2010

    Es würde auf jeden Fall dazu passen, dass in Träumen vieles als selbstverständlich angesehen wird, was in der Realität für Stirnrunzeln sorgen würde – warum z.B. schafft es Saito mit einem einzigen Anruf, Cobb von allen Anschuldigungen zu entlasten? Ist seine Firma so mächtig, dass er das wirklich kann? Oder ging es nur darum, den Industriespion Cobb in der Traumwelt gefangen zu halten, in dem man ihn mit seinen Kindern zusammenbringt? Dann wäre der Weg dahin auf jeden Fall furchtbar kompliziert, wenn vielleicht auch der einzig mögliche… andere Ideen?

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    • lalia · August 4, 2010

      also Ideen, ja, ganz viele *g*
      Saito im Flugzeug: Traumebene
      Kinder als Mittel zum Zweck, ja, eindeutig. Was ich mich noch frage: Sind die Kinder überhaupt real?!

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  5. Flo Lieb · August 4, 2010

    (den ich allerdings seit seiner positiven Bewertung zu Akte X 2 nicht mehr so ganz ernst nehmen kann)

    Tz, I WANT TO BELIEVE ist ein ganz toller Film 😛

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    • Xander · August 4, 2010

      Das ist ja Ansichtssache 😉

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    • lalia · August 4, 2010

      ich mochte den Film auch ^^ – genauso wie Twilight 😉 mögen ist bei mir so ne Sache… ich würde diese Filme wieder anschauen, muss sie aber nicht unbedingt im Regal stehen haben. Bei den X Files reicht mir die Serie 😉

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  6. Xander · August 4, 2010

    @ lalia: Es kann ja sein, dass es sie wirklich gibt. Je nachdem, ob das Totem fällt oder nicht, heißt das aber ja nicht, das die Kinder am Ende des Films real sind…

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    • lalia · August 5, 2010

      hm, das wäre ja auch ein interessanter Aspekt: Die Kinder sind nicht real, und daher gibt es keine Realität *ggggggg*
      – Quatsch-Philosophie mal wieder ^^

      wenn es nun wie bei the sixth sense und a beautiful min dist, dass man die Hinweise zuerst übersieht… ja das wäre ne schöne Variante… mal schaun ^^

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  7. Dos Corazones · August 5, 2010

    Also, die „Längen“ haben mich nicht gestört, im Gegenteil. In diesen etwas langsameren Passagen wird der Charakter von Cobb erst so richtig erörtert, er bleibt dadurch im Gedächtnis, zumindest geht das mir so.
    Dass die Traumspielereien beim Ablauf des Coups sehr reduziert werden, ist zwar beim Anblick dessen, was möglich ist, schade. Genial wäre es natürlich, wenn bei der zweiten (dritten…) Sichtung Dinge auffallen, die tatsächlich unrealistisch sind, aber nicht so wirken. Schließlich, so erklärt es uns Cobb ja, scheint ein Traum erst einmal real zu sein, bis wir aufwachen und uns ungewöhnliche Vorkommnisse bewusst werden.

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    • Xander · August 6, 2010

      Stimmt, das sollte man durch eine erneute Sichtung mal testen. Ist ja nicht so, das mir bei „The Prestige“ alles sofort aufgefallen wäre… und das macht einen Film ja erst recht sehenswert: Wenn man bei erneuten Sichtungen immer wieder was entdecken kann.

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  8. Freak · August 11, 2010

    Ich glaub, dass Dom Cobb im Limbus gefangen ist und die Kinde nicht real sind! Der Film hat mich zum Nachdenken gebracht, ich mag solche Filme! 🙂

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  9. Pingback: Inception (2010) | Film-Blogosphäre

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