Kritik: INDEPENDENCE DAY (ID4) [1996]


„Wozu die Eile? Denkst du, Washington ist weg wenn wir da sind?“

Roland Emmerich ist den meisten nicht unbedingt als Meister des niveauvollen Films bekannt. Werke wie Independence Day (ID4), Godzilla, The Day After Tomorrow, 10.000 BC oder aber auch der kommende 2012 lassen vermuten, dass dieser Mann einen Groll auf die Menschheit hat: Denn alles, was sich diese so mühsam aufgebaut hat, zerstört der Schwabe in seinen Hollywood-Blockbustern bis auf die letzte Schraube. Um dies jedoch zu tarnen, sind seine Hauptfiguren dennoch gute Menschen, denen nichts mehr am Herzen liegt als das Wohl der Menschheit und die alles dafür aufgeben würden – wichtiger ist ihnen nur noch das Wohl Amerikas. Wenn auch schon länger im Geschäft, brachte es Emmerich mit dieser Philosophie erst mit ID4 zu großem finanziellen Erfolg und die ganze Welt konnte sehen, was für tolle Hechte die Amerikaner doch sind. Gezeigt wurde es ihnen jedoch von einem Deutschen.


Die Geschichte, wenn man sie denn so nennen möchte, ist dabei schnell erzählt. Aliens nähern sich zwei Tage vor dem amerikanischen Unabhängigkeitstag der Erde und bringen ihre Raumschiffe in Position über den Hauptstädten der Welt. Nach einem mehrstündigen Countdown beginnen sie mit dem Angriff – Städte wie Washington oder New York (ausländische Städte werden eher beiläufig erwähnt) gehören schnell der Vergangenheit an. Doch zwei Tage später, am Unabhängigkeitstag („UNSEREM Independence Day!“) schlägt die Menschheit zurück…

„It‘s the end of the world as we know it“ singt R.E.M. zu Beginn des Films, und eindeutiger kann man das Folgende nicht andeuten. Der Menschheit steht ein Krieg bevor und schon stellt sich ein bunt gewürfelter, aber nichts desto trotz politisch korrekter Haufen sich fremder Menschen der Gefahr. Da hätten wir zuallererst natürlich den jungen und dynamischen Präsidenten, der sich für sein Land natürlich auch noch selber ins Flugzeug setzt und den Angriff der Erdenbewohner anführt. Wir haben den Säufer, für den sich seine eigenen Kinder schämen, auf den am Ende aber alle fürchterlich stolz sind, denn er wurde geläutert. Gerettet wird die Welt schlussendlich von einem Juden und einem Schwarzen und es ist außerdem zu vermuten, dass der Retriever das Ganze ebenfalls überlebt hat. Das der Fernsehtechniker dabei schlauer ist als sämtliche Wissenschaftler der Regierung (insbesondere S.E.T.I. [was machen DIE denn eigentlich den ganzen Tag] oder der Area 51) und insbesondere der ganzen Welt, muss dabei so sein, denn sonst hätte er ja keinen Grund gehabt, sich an seine Ex-Frau zu wenden, die glücklicherweise die Beraterin des Präsidenten und (Gott sei Dank) immer noch Single ist. So kann er einerseits seine Entdeckung des Countdowns dem Präsidenten persönlich überbringen und andererseits die Welt retten und seine Frau zurückerobern. Andere Funktionen haben Frauen in diesem Film sowieso nicht – sie sollen doch gefälligst ihre Männer verehren, ihre Fehler einsehen und auch im Tod noch gut aussehen. Denn das macht amerikanische Frauen aus. Ob schwarz oder weiß, christlich oder jüdisch, Amerika steckt schließlich in jedem von uns.

„Es ist wie beim Schach. Zuerst bringt man seine Figuren strategisch in Position, und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dann schlägst du zu. Siehst du? Sie gehen überall auf der Welt in Stellung. Dabei nutzen sie das versteckte Signal, um ihre Bewegung zu koordinieren. In etwa sechs Stunden wird das Signal verschwinden und der Countdown ist vorbei.“
– „Und dann was?“
„Schachmatt!“

Die Charaktere sind klischeehaft und die Story an sich eigentlich ziemlich dämlich. Das sie dabei hemmungslos bei Filmen wie Krieg der Sterne, Unheimliche Begegnung der dritten Art oder Kampf der Welten bzw. Krieg der Welten klaut, ist dabei nicht sonderlich hilfreich. Doch irgendwie – ist das alles gar nicht so schlimm. Es hört sich schlimm an, keine Frage, denn sämtliche Zutaten dieses Films gehören zu der Sorte, die man zwar separat ganz gut konsumieren kann, die einem aber gemeinsam verabreicht nur Bauchschmerzen verursachen. Doch durch die Tatsache, dass sich ID4 an dieser Stelle selber nicht ernster nimmt als ihm gut täte, die Schauspieler mit Spaß bei der Sache sind (herrlich schräg: Brent Spiner) und es ja schließlich um unser aller Amerika geht, wird das ganze weniger schwer verdaulich als erwartet.

Man kann in ID4 sogar, wenn man es denn möchte, eine Botschaft unterstellen – schützt die Erde und lebt in Frieden, sonst geht sie zu Grunde. Diese wird nicht nur exemplarisch durch den aktiven und etwas übertreibenden Umweltschützer und Pazifisten David Levinson (Jeff Goldblum) überbracht, sondern die Aliens sind nicht nur deshalb böse, weil sie die Menschheit ausrotten wollen (als wenn das nicht reichen würde), sondern sie werden mit Wanderheuschrecken verglichen, die einen Planeten bewohnen, bis seine Ressourcen aufgeschöpft und die Umwelt verdreckt ist, und ziehen dann weiter. Das zu Beginn des Filmes ausgerechnet der Ausschnitt aus Der Tag an dem die Erde stillstand im Hintergrund läuft, in dem Klaatu seine Forderungen an die Menschen stellt, kann in diesem Zusammenhang kein Zufall sein.

Independence Day ist aber wohl dennoch, oder trotz allem, der Archetyp des durchschnittlichen Blockbusters ohne tieferen Sinn und doppeltem Boden. Auch wenn es um nichts weiteres geht als die Vernichtung der Menschheit, so bedeutet das nicht, dass man dabei keinen Spaß haben darf. Roland Emmerich bediente sich bei seinem Science-Fiction-Actioner zwar ganz offen bei seinen Kollegen, lässt dieses aber bei der gebotenen Action schnell vergessen machen. Man kann an ID4 seine Freude haben, man kann sich bodenlos über das Gesehene ärgern, man kann das Ganze aber auch nicht so wichtig nehmen und sich 145 min ganz gut die Zeit vertreiben.

„Menschheit. Dieses Wort sollte von heute an für uns alle eine neue Bedeutung haben. Wir können nicht zulassen, dass unsere kleinlichen Konflikte uns aufzehren. Unser gemeinsames Interesse verbindet uns. Vielleicht ist es Schicksal, dass heute der 4. Juli ist und dass Sie einmal mehr für unsere Freiheit kämpfen werden. Nicht etwa gegen Tyrannei, Verfolgung oder Unterdrückung, sondern gegen unsere Vernichtung. Wir kämpfen für unser Recht zu leben, zu existieren, und sollten wir diesen Tag überstehen, wird der 4. Juli nicht mehr länger nur ein amerikanischer Feiertag sein. Sondern der Tag an dem die Welt mit einer Stimme erklärt: Wir werden nicht schweigend in der Nacht untergehen. Wir werden nicht ohne zu kämpfen vergehen. Wir werden überleben. Wir werden weiterleben. Heute feiern wir gemeinsam unseren Independence Day!

9 Kommentare

  1. bullion · September 4, 2009

    Ich fand den Film damals im Kino toll! Eines meiner schönes Jugenderlebnisse auf der Leinwand. Heute immerhin noch nettes Popcornkino.

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  2. Xander · September 4, 2009

    Stimmt, „damals“ (ok, immerhin schon 13 Jahre her) hatte er auf mich auch eine andere Wirkung. Aber nun ja, da war man… auch noch jünger 😉

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  3. C.H. · September 4, 2009

    Ach, was solls: Ich finde „Independence Day“ immer noch toll. Sicher, ist das alles ganz großer Crap, aber Will Smith, Jeff Goldblum und Brent Spinner reißen so ziemlich alles raus. Und 1996 (?) im Kino sah das alles auch noch unfassbar großartig aus. Nene, eindeutiges „Gulity Pleasure“ bei mir, denn den Film mag ich doch wirklich sehr. So, das musste jetzt mal gesagt werden. 😀

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  4. Xander · September 4, 2009

    Das ist ja auch nichts, für das man sich schämen müsste…

    Wieso eigentlich „1996 (?)“ ? Habe grad noch mal geschaut, mehrere Quellen bestätigen mir das Jahr…

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  5. C.H. · September 4, 2009

    LOL. Du hast das Jahr ja im Titel genannt sehe ich gerade. Das „?“ war auf mich bezogen, weil ich mir nicht sicher war ob 1996 stimmt, als ich den Kommentar verfasst habe. 🙂

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  6. Xander · September 4, 2009

    Ah, ich verstehe. Also nicht mal richtig gelesen 😉

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  7. lalia · September 4, 2009

    Jaaa. Krach bumm und Aliens, Popcorn und grooße Untertassen, das war schon toll und story?! bfft, wer braucht sowas, um unterhalten zu werden.
    Mittlerweile ist man eben andere Standards gewöhnt ^^

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