Kritik: DR. SELTSAM oder: WIE ICH LERNTE DIE BOMBE ZU LIEBEN [1964]


„You can’t fight here, this is the War-Room!“

Der leicht wahnsinnige General Ripper lässt eine mit Atombomben bestückte Staffel B52-Bomber mit Angriffsziel Russland starten, da er der Meinung ist, die Russen würden das Trinkwasser und damit die „Körpersäfte“ der Amerikaner vergiften – es hat ja schließlich seinen Grund, warum die Russen selber nur Wodka trinken. Als der amerikanische Präsident Muffley dies erfährt, lädt er seinen Stab, unter anderen General Turgidson, in den War-Room ins Pentagon, um eine Lösung zu finden. Nach einem Telefonat mit dem russischen Premier Kissof offenbart dieser dass, sollte es zu einem Angriff der Amerikaner kommen, automatisch eine „Weltvernichtungsmaschine“ in Gang gesetzt wird, die den Weltuntergang bedeuten würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…


In den Hochzeiten des kalten Krieges konnte es jederzeit zum atomaren Krieg kommen. Den Leuten wurde beigebracht, sich bei Raketenangriffen unter den Tisch zu legen und so manch einer stellte sich einen Bunker in den Garten. Was aus heutiger Sicht zwar noch realistisch, aber kaum mehr vorstellbar ist, war damals bittere Realität. Als Stanley Kubrick des Buch „Red Alert“ liest, konnt in ihm der Gedanke, dieses in einem ernsten Thriller aufzuarbeiten – und genau so schnell merkt er, dass er diesen Wahnsinn so nicht verfilmen kann. Er beschließt, „Dr. Strangelove“ als bitterböse Satire zu drehen – gute Idee.

Dabei macht sich Kubrick nicht über die Gefahren eines atomaren dritten Weltkrieges lustig. Vielmehr gelingt es ihm, die Leute dahinter zu persiflieren und deutlich zu machen, was passieren kann, wenn ein Wahnsinniger mal einen falschen Knopf drückt. Die Art und Weise, wie er das anstellt, ist brillant. Meine liebsten Stellen in dem Film sind immer die, wenn der Präsident mit dem russischen Premier spricht. Es geht unter anderem darum, dass er ihm mitteilen muss, das sein Land gerade von mehreren Bombern mit atomaren Sprengköpfen angegriffen wird, und Kubrick entwickelt daraus das absurdeste Telefonat, das man sich zu diesem Thema ausdenken kann.

„It’s good that your fine and I’m fine! … I agree with you, it’s great to be fine! … ha ha … Now then, Dimitri, you know, we’ve always talked about the possibility of something going wrong with the bomb. … The Bomb, Dimitri. … The Hydrogen-Bomb!“


(YouTube)

Dieser Humor zieht sich durch den gesamten Film. Es sind die völlig überzogenen Szenen, bei denen man vielleicht sogar denkt – das könnte so sein. Auf der anderen Seite sind die Charaktere jedoch so völlig übertrieben und stereotyp angelegt, dass das ja eigentlich auch nicht sein kann. Da hätten wir den Präsidenten, der einzig sachliche und scheinbar normalste von allen. Da wäre General Turgidson, der erst einmal über die Leistungsfähigkeit der Armee schwärmt und erst schießen würde, bevor er beginnt zu denken. Der texanische Pilot „King“ Kong, der hemdsärmlig und patriotisch seine Bomben ins Ziel bringen will. Der alte Nazi-Wissenschaftler Dr. Seltsam (im Original: „Dr. Strangelove, hieß aber in Deutschland Dr. Merkwürdigeliebe“), der von einer neu gezüchteten Rasse nach dem Fallout träumt. Der ständig besoffene Premier Kissof. Und der wahnsinnige General Ripper, der Angst um seine Körpersäfte hat, seit er sich nach seiner ersten körperlichen Liebe leer und schlapp gefühlt hat. All diese Figuren lassen in dem Film eine absurde Situationskomik entstehen, ohne die Thematik ins Lächerliche zu ziehen.

A propos körperlich Liebe: „Dr. Seltsam“ ist voll von sexuellen Andeutungen und Anspielungen. Gleich zu Beginn wird das Betanken eines Flugzeugs in der Luft als Liebesakt dargestellt, General Ripper lässt seinen ganzen sexuellen Frust in seinen Kriegsspielen raus und Dr. Seltsam wird von der Vorstellung von einer Vernichtung der Welt und des Überlebens der Herrenrasse so erregt, dass er gar wieder laufen kann.

„Mein Fuehrer, I can walk!“

Drei Rollen alleine werden bei „Dr. Seltsam“ von Peter Sellers verkörpert: Der Präsident, der 1. Offizier Mandrake sowie der titelgebende Dr. Seltsam und er schafft es, jeder Rolle seinen Stempel aufzudrücken. Man meint gar, es handele sich hier um drei verschiedene Schauspieler und grade der Präsident hat mir sehr gut gefallen, u.a. auch wegen den oben schon genannten (und im übrigen improvisierten!) Telefongesprächen und seinen Diskussionen mit Turgidson. Turgidson wiederum wird von George C. Scott gespielt und das in einer Form, bei der man sich jederzeit wegschmeißen könnte vor Lachen. Sehr genial, wie er reagiert, wenn er Widerworte von „seinem“ Präsidenten erhält oder wenn er von seiner Armee schwärmt und erst hinterher merkt, dass das gerade keine so gute Idee war.

Abschließen kann man wohl sagen, dass mir „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“ sehr gut gefallen hat. Die Story, der groteske Humor, die schauspielerischen Leistungen – einfach alles passt hier und lassen den Film zu Recht zu einem Kultfilm machen. Guckbefehl!


(YouTube)

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9 Kommentare

  1. fincher · März 7, 2009

    Ja, ein starker Kubrick, wenngleich ich ihn nicht zu meinen 3 oder 5 Lieblingsfilmen des Regisseurs zählen würde. Gute Rezension im Übrigen!

    Und: Erst jetzt hab ich rausbekommen, was diese ominösen Quadrate ganz am Anfang deines Posts bedeuten sollen. Hätte mir eigentlich auch früher einfallen können, zumal ich mir immer gedacht habe, warum du kein „richtiges“ Wertungssystem hast… 😀

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  2. Xander · März 8, 2009

    Ominöse Quadrate, das ist gut 😉
    Meine ersten Posts hier haben das noch nicht, kannst ja mal gucken wie’s „früher“ hier aussah.

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  3. C.H. · März 8, 2009

    Und: Erst jetzt hab ich rausbekommen, was diese ominösen Quadrate ganz am Anfang deines Posts bedeuten sollen.

    Ha, des ist ja was. Hab ich bislang auch nicht mitbekommen… Man lernt nie aus! 😉

    Ansonsten: So sieht das aus, und nicht anders. Ich könnt mich immer wieder wegschmeissen: „Gentelmen, this is the warroom. You can’t fight in here! 😀

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  4. Xander · März 8, 2009

    Manches hier funktioniert über die Meta-Ebene. Oder so.

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