Kritik: JOHANNA VON ORLÉANS (JEANNE D’ARC)

8/10

„Von der Liebe oder dem Hass, den Gott für die Engländer empfindet, weiß ich nichts, aber ich weiß, dass sie aus Frankreich geworfen werden, außer denjenigen, die hier sterben.“ (Jeanne d’Arc bei ihrem Prozess am 17. März 1431)

Frankreich, 1420: Jeannes Familie stirbt bei einem Überfall der Engländer auf ihr Dorf Domrémy als sie acht Jahre alt ist. Sie schwört Rache. Als sie 13 wird, bekommt sie Visionen, die ihr sagen, sie soll Frankreich durch eine ihr unterstellte Armee von den Engländern befreien. Einige Jahre später hat sie Erfolg, doch aus Angst vor ihrem zu großen Einfluss verrät sie König Karl der VII an die Burgunder, die sie schließlich an die Engländer übergeben…

All zu viel ist bekanntlich nicht bekannt über Jeanne d’Arc. Die Fakten, die heute noch nachprüfbar sind, sind die Protokolle der Gerichtsverhandlungen sowie die Briefe an die Engländer, die Jeanne schreiben ließ, um diese zum Rückzug zu bewegen. An diese Fakten hat sich Luc Besson weitestgehend gehalten und teilweise die Dialoge für die Verhandlungen übernommen.

Und so wirkt “Jeanne d’Arc” auch sehr authentisch, was auch daran liegt, dass die Kamera immer mitten im Geschehen ist – laut Making Of musste die Crew sogar eine Rüstung tragen, um bei den Schwertkämpfen nicht ausversehen verletzt zu werden. John Malkovich und Milla Jovovich spielen ihre Rollen sehr überzeugend, wobei Milla vielleicht ab und zu etwas hysterisch wirkt – das dient aber eher dem Realismus als das es schadet, so wirklich gesittet geht es auf dem Schlachtfeld auch nicht immer zu. John Malkovich als Dauphin (und später als König) nimmt man die Rolle wohl ab: ein zögerlicher Herrscher, immer darauf bedacht, sein Position zu festigen, der aber dann nicht zögert, wenn es gilt, die Position zu verteidigen.

„Meine Worte und Werke habe ich auf Gottes Geheiß vollbracht. Ich lege sie niemandem zur Last: weder dem König noch einem anderen; und wenn daran ein Falsch ist, so fällt es auf mich und niemand anderen zurück.“ (Jeanne d’Arc bei ihrem Prozess am 24. Mai 1431)

Einem Film über eine Heilige der katholischen Kirche könnte man wohl schwer vorwerfen, sich zu viel mit der Christenthematik zu beschäftigen. Vorzuwerfen wäre dem Film hier aber gar nichts, demontiert Dustin Hoffmann als Jeannes “Gewissen” doch nach und nach ihren Glauben und ihre Motivation, und so bleibt für Jeanne, aber auch für den Zuschauer die Frage offen – waren es wirklich göttliche Visionen, die Jeanne antrieben, war es nur Rache, oder letztendlich doch nur ein starker Glaube mit falsch, als “Zeichen” gedeuteten Ereignissen?

Auch in der Geschichte ist diese Frage offen, ob Glaube oder tatsächliche Visionen, doch das Motiv der Rache ist unwahrscheinlich, verließ sie ihr Elternhaus doch freiwillig und die Engländer hatten damit wenig zu tun:

Damals soll ihr die Heilige Katharina erschienen sein, später kamen der Erzengel Michael und die Heilige Margareta hinzu. Von ihnen glaubte sie den Befehl erhalten zu haben, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum Thron zu führen. Die Erscheinungen wiederholten sich. Am 25. Dezember 1428 verließ sie ihr Elternhaus.

(via)

In Gottes Namen besiegte sie in Frankreich die Engländer, und in Gottes Namen wurde sie von den Engländern als Ketzerin verbrannt – und in diesem Schlussteil gönnt sich der Film die größte, wenn eigentlich auch unnötige – kreative Freiheit. Jeannes Hauptkläger, der Bischof von Beauvais, Pierre Cauchon, wird hier dargestellt, als stände er auf ihrer Seite, was aber bei weitem nicht so war.

Drei Monate dauerte der Prozess unter dem Vorsitz des Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchon, den Jeanne gegen die dialektisch und rhetorisch geschulten Kleriker ohne Beistand führte. (Beispiel: Auf die Fangfrage: „Johanna, seid Ihr gewiß, im Stande der Gnade zu sein?“ antwortet sie „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge mich Gott darin erhalten!“. Hätte sie behauptet im Stande der Gnade zu sein, wäre ihr das als ketzerische Anmaßung ausgelegt worden, hätte sie es geleugnet, so hätte sie ihre Schuld zugegeben.)

(via)

Als Dokumentarfilm taugt der Film sicherlich nicht – dafür nimmt er sich, erst recht am Schluss, zu viele Freiheiten heraus. Für all zu zart beseitete Zuschauer ist er sicherlich auch nicht geeignet – wird die Grausamkeit (und der Schärfegrad einiger Schwerter) doch genauestens von der Kamera dokumentiert. “Johanna von Orléans” ist eher als “anspruchsvoller, actionreicher Historienfilm” zu sehen, der nebenbei die wichtigsten Basis-Fakten über eine französische Nationalheldin liefert, und bei dem am Ende nichts mehr ist, wie es am Anfang war: die Engländer sind am Ende nicht die einzig Bösen, auch die Franzosen und sogar, oder erst recht, oder: endlich mal (je nach Standpunkt) die Kirche sehen am Ende ganz schlecht aus.

Ein Film also, der zum Geschichtsforschen anregt.
Und der, ich denke zu Recht, die bislang längste Review hier erhalten hat.

Bin gespannt auf Kommentare…

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5 Kommentare

  1. das hast du alles sehr gut beschrieben :) gratulation. sicherlich wirkt milla ab und an etwas überzogen, aber es passt sehr gut hinein.
    was mir eben am film so gut gefallen hatte: es bleibt offen, ob jeanne tatsächlich “göttlich” gelenkt, rachsüchtig oder nur eine durchgeknallte shizophrene persönlichkeit war. es wurde nicht krampfhaft nach einer plausiblen lösung gesucht.
    ich denke, diese künstlerischen freiheiten gehören in solche filme (wenn sie die geschichte nicht total verfälschen).

    deine zusammenfassung gefällt mir also überaus gut :)

  2. sehr schön, sogar Fakten aufgestöbert, gut gemacht *g*
    tja, gesehen hab ich den Film mal im Fernsehen, aber das ist schon etwas länger her.

    An sich fällt mir dazu nur Kamikaze Kaitou Jeanne ein *löl* – ein Manga ;)

  3. nju, so alt, wie der Manga schon ist, kennt sie die Geschichte bestimmt schon. Kam auch schon im deutschen Fernsehen als Animeserie ;) Und Frankreich ist normalerweise schneller bei sowas.

    Gut, ist relativ, ich liebe die Zeichnungen, und den ernsten Hintergrund der Charaktere. Aber es ist doch eindeutig auf ein weibliches Publikum zugeschnitten und auf der gleichen Welle wie Sailormoon entstanden. (was als Manga auch sehr viel tiefgründiger ist)

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